Seit dem Alter von 4 Jahren Schauspieler, in Salzburg, Hamburg, Köln, München, Koblenz, seit 1998 am Theater in der Josefstadt, Wien, dort bisher etwa 60 Rollen in 3000 Vorstellungen. Hauptrollen in Kino- und TV-Filmen, 10 Jahre Festspiele Reichenau. Hörfunk, Lesungen eigener Programme. Zwei Romane, zwei Theaterstücke. Schreibt für Paulus Mankers/Joshua Sobols neues Simultandrama "Wagnerdämmerung" (Prem.18.7.2013). Dreh in München im "Wagner-Clan"

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Verschiedenes über Michael Dangl als Schauspieler und Autor

Die Übergänge in der Berichterstattung über Michael Dangls Tätigkeiten sind oft fliessend. Eine klare Trennung in "Schauspielerei" und "Schreiben" ist da nicht möglich. "Blättern" Sie also und finden Sie...

"The King's Speech" - "Sprachlos schön!" (Kurier). - MD's neuer Roman: "Ein literarisches Juwel" (Inkultura-online.de)

Im Fegefeuer der TalenteSchauspieler und Autor Michael Dangl im Porträt.

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Sich entzücken, erweitern, darin aufgehen, sich darin verlieren. Mit dem Kopf an die Wand rennen, aufstehen, um Klarheit ringen, die Einzelteile neu zusammensetzen. Zu Glück und Erfolg. Wie Schauspieler und Autor Michael Dangl.

„Ein Tag ist sehr, sehr lang. Ich gehe spät schlafen und stehe früh auf. Arbeite sofort. Konkret. Text lernen, schreiben oder Text auffrischen.“ Außendangl. Reich an Tun. Reichte, seine Homepage abzudrucken. 24 Stunden vor der Premiere von Ibsens „Hedda Gabler“ im Theater in der Josefstadt gab er „7 minutes before Christmas“, einen literarisch-musikalischen Abend mit seiner Frau der russischen Flötistin Maria Fedotova im Turm der Wiener Städtischen. Froh, dass er sie grad nicht mit der ganzen Welt teilen muss. „Durststrecken oft“, sagt er, und: „Wenn wir viel miteinander kommunizieren, ist es besser für mich.“

Selbst, wenn die Handwerkskiste des 44-Jährigen überquillt: Da liegen Stotterer „Bertie“, König George VI., in David Seidlers „The King’s Speech“ im Repertoire und im Hinterkopf und der verzweifelt wütende Edmund in Eugene O’Neill’s autobiografischer Abrechnung „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

„Schöne Aussicht Nr. 16“

Lesungen seines zweiten Buchs, des Romans „Schöne Aussicht Nr. 16“ – über einen Menschenflüchtling hinter Schopenhauer verschanzt, den eine lebhaft-liebes-lebens-gierig alternde Lady wortreich erschreckt, bis sie einander doch in Sehnsucht nahe kommen. Der französische Theaterverlag „L’Arche Editeur“ prüft, ob Dangls Erstling „Rampenflucht“, ein radikaler Kehraus lebenslügnerischer Verlogenheiten im Schauspielerberuf, auch für Frankreich gilt. Dann wird das Buch übersetzt. „Paul Kemp“, eine ORF/ARD-Serie mit Harald Krassnitzer, in der Dangl durchgehend Hauptrollen-aktiv ist, kommt demnächst. Auch Rupert Hennings Comedyserie „Die Steintaler“, für die er sich „drei Monate hundertprozentig im Freien“ aufhielt, sollte 2013 im ORF starten.

„Er ist einer von den belesenen, fleißigen, genauen, hochprofessionellen, sehr disziplinierten, ernsthaften Schauspielern“, erklärt die Josefstädter Marketingchefin Christiane Huemer-Strobele. Fasziniert, „wie er sich von Cliquen und Klüngeln fernhält. Nie hab ich ihn tratschen gehört. Bei abfälligen oder ironischen Bemerkungen über jemanden, den er kennt, tut er so, als würde er’s nicht hören.“

Innendangl. Bei sich. Wunderbar gesprächig, wenn’s um Dichtung geht, Religion, Musik, wenn Codes genügen, um Hofmannsthal-Ping-Pong zu spielen, die Genialität von Grigory Sokolov am Klavier zu verklären, Dangls widerstrebende Sehnsucht, „Kafka in sich zu erlösen“. Ansonsten, sagt er, halte er oft lieber den Mund. Schiebe Schweigetage ein, schalte das Handy ab. Zur Seelenhygiene. Nach der Morgenarbeit brauche er bissl „Nachmittagsruh“. „Dann geh ich einkaufen und koch mir was, wenn ich allein zu Haus bin.“

Innentheater

Dangl ordnet das „Innentheater“. Aktuell zu „Hedda Gabler“. Sagte vor der Premiere: „Tesman ist vielschichtig, abgründig, uneinordenbar. Menschen sind Schafe wie Wölfe, oft auch die Wölfe ihrem eigenen Schaf. Ibsen schrieb ja keine ,Bühnenfiguren’.“ Nein, beschrieb Menschen seiner Zeit. Wie Tesman, subjektiv eher unsexy denkbar, mit Filzpantoffeln, Waschzwängen, mehr Eifer als Genie, mehr Vernunft als Gefühl. (Dangl wird ihn nicht denunzieren, wie er dem Stotterer Bertie die Würde ließ).

Aber klar, dass Tesman übrig bleibt wie die erdige Thea Elvsted, während die genialisch Maßlosen umkommen. Lövberg, der süchtelnde Superstar, im Bordell. Hedda, eine Unangepasste mehr aus Ibsens Jahrhundertwende-Puppenheim (und als Hysterikerin vermutlich auf Freuds Couch bestens aufgehoben) erschießt sich. Lieber tot als fades, schales häusliches Glück mit Kindchen – da nix wird aus dem wilden freien großen Leben mit Weinlaub im Haar.

Maria Köstlinger ist Michael Dangls „Hedda“. Schön, schlank, dunkellockig wie als Mädel. Die Salzburger Dangl und Köstlinge r haben einander Briefe geschrieben, als er 18 und sie 14 war. Vier Jahre lang. „Damals hat man noch auf den Briefträger gewartet, sagt er nebenbei ... als er gegen den Internet-Wahnsinn brandredet; zynisch vom Chip im geklonten Menschen fantasiert, der alle mit allen anderen Twitter- und Facebook-Freunden vernetzt; den Tag herbeisehnt, an dem man ums Wetter wieder aus dem Fenster schaut statt aufs iPhone. Zurück. Konkret. Biografie.

Michael war ein Theaterkind, die Eltern betreiben die Wanderbühne „Karawane Salzburg“, „vollkommen ineinander verwoben“. Vaterkind, Mutterkind? Die falsche Frage für ihn: „Eine Symbiose. Wir drei.“ Richtiger, vom Ausschöpfen aller Talente zu reden: Für sich selber schrieb er Gedichte, mit Mutter Christa und Vater Agilo das Stück „Winterrose“, das eben am Düsseldorfer „Theater am Kö“ mit Heidelinde Weis läuft. Auch Musik hat er für die „Karawane“ produziert: Fürs Nestroystück „Der gutmütige Teufel“ aus der Originalpartitur eine Stimme für Keyboard gemacht, den Teufel gespielt und sich selber musikalisch begleitet. Klavier gelernt, seit er sechs war, die Lehrerin aber mit Rockballaden und Jazz entsetzt, nie der Illusion verfangen, Pianist zu werden. Mit 16 wollte er Chopins Preludes nicht mehr üben. Nach der Matura mit Auszeichnung erschien dem Achtzehnjährigen ein Engagement am Salzburger Landestheater „normal“.

Kirche

Darüber hinaus trat er aus der Kirche aus, und lief als klassischer Literatur-Revoluzzer (nicht nur) in seinen Rollen Sturm gegen die Welt. Nach Salzburg in Koblenz und Köln und im Hamburger „Theater im Zimmer“. Wo er sich erstmals freiberuflich von Stückvertrag zu Stückvertrag hantelte. Gute Verträge, doch er kapierte, dass Kontinuität NICHT selbstverständlich ist. Eine Beziehung ging zu Ende, ein Figurenleben begann, aus dem Reservoir an Zweifeln gespeist, bis zum Verzweifeln. Vieles ist in „Rampenflucht“ nachzulesen. Das Entleiben und sich Zerfleischen und sich Verbeißen in die Rollen: „Ich hab alles Private zurückgestellt, keine Leute mehr eingeladen, keine Zeit erübrigt, mich um Engagements in Film & Fernsehen zu kümmern.

Alles wär mir als Verrat an der Rolle vorgekommen“, so Dangl. „Hatte keine Kraft mehr für irgendwas anderes. Ungesund gelebt, sehr flüssig ernährt, Frischluft gemieden. Irrwege. War so erschöpft vom Alleinsein mit einer Rolle, dass ich nach der Premiere wieder allein sein musste.“ Der „Jimmy Porter“ aus John Osbornes „Blick zurück im Zorn“ war so eine gefährliche Figur. „Selbst, wenn Jimmy mir sehr entgegengesetzt, expressiv revoltiert, sich tosend beschwert, hab ich viel übernommen. Wenn auch mehr innerlich.“ Sich in den Figuren zu verlieren, den Boden unter den Füßen, sich von der Außenwelt abzuschotten, diese Gefahr wurde ziemlich groß.

Fritz Muliar, den Dangl bei einem „Sibirien“-Gastspiel in Hamburg besuchte, holte ihn über die Direktion Lohner an die Josefstadt. Ein Mentor mit Herz: „Sehr ernst bei der Arbeit, sehr im Moment, aber pragmatisch. Schon schauen: Wie wirkt das auf die Leut?“ Dangl sagt, er habe viel
von ihm gelernt: „Sich nicht in Hirngespinsten zu verlieren, die Dinge klar zu sehen, mit Bitternis und viel Humor. Im Beruf mehr, als ich damals wusste. Wenn mir ein Auftritt richtig gelingt, denk ich an Fritz.“ Zuletzt spielten sie „Besuch bei Mr. Green“ und bekamen den Europäischen Kulturpreis, aber wichtiger: Zwei Tage vor Muliars Tod hat ihn Dangl noch besucht.

Wendepunkt

Der Wendepunkt kam 2006 in Lockenhaus. Bei Gidon Kremers Festival, wo Dangl Briefe, Biografien, Texte zu Musikstücken liest, etwa Schostakowitsch von A bis Z. Heilig die Erinnerung an den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Dort fand er Maria Fedotova, Russin aus St. Petersburg. Als Vierjährige war sie flötenblasend im Mariinsky Theatre unterwegs gewesen. Jetzt mit den Wiener Philharmonikern, mit Valery Gergiev, mit Gidon Kremer. Der Kirchenflüchtling lernte wieder glauben, „an die Wärme, die Geborgenheit bei den Russisch-Orthodoxen. An Gott zu Anfang und am Ende, nicht als Instanz, die richtet, aber mitgeschaffen, mitgebaut werden muss. Dazwischen gibt es sehr großen Spielraum für den freien Willen: Mit jeder Tat baue oder zerstöre ich etwas Göttliches“. Hatte auch sein Schlüsselerlebnis mit Kremer: „Bevor die eine Seite nicht sitzt, wird nicht umgeblättert“, sagt der.

Familie

Tochter Anfisa kam vor zwei Jahren auf die Welt. Seither wird alles reicher und größer: 2010 wurde „Rampenflucht“ veröffentlicht, fabelhaft kritisiert; Film und Fernsehen riefen, von Percy Adlons „Mahler auf der Couch“ über David Schalkos „Wie man leben soll“ bis zur noch ruhenden „Steintaler“-Serie. In der spielt Dangl den (Herren zugeneigten) Retila aus der Gruppe der Bodenschläfer, die den Baumschläfern gegenüber den Vorteil haben, dass sie im Traum nicht runterkrachen, er revolutioniert die Höhlenmalerei, erfindet die Stöckelschuhe und den Tanz, und hat eine zart romantische Szene mit Michael Niavarani als Kameltreiber aus dem Morgenland.

Beglückend und nervenzerfetzend zugleich: 2010 führte „Noch einmal“, das Jubiläumsstück zu Otto Schenks Achtziger, den Musikgebildeten ans Klavier zurück. Die Rollenvorgabe: Der Sohn der berühmten Sängerin, sie war einst „Dirigent“ Schenks Techtelmechtel, sollte Klavier spielen können. Dangl fing ernsthaft mit dem Üben an – Tristanvorspiel, Coriolan Ouvertüre, Lohengrinvorspiel – wand sich grausam über der Fingertechnik. Bis zur Probe. Dann: „Otti spricht seinen Monolog, ich setz mich ans Klavier, spiel los – und bin erlöst!“

Jede Vorstellung natürlich eine neue Herausforderung zu Reproduzierbarkeit, zu Verlässlichkeit. Und erst diese Zweifel, dieses Zaudern und Sich-selber-gut-zureden, als Ruth Brauer-Kvam wegen „Judy“ (Garland) auf ihn zukam: „Kein Schummeln und Verstecken mehr. Nur der Wunsch, man sollte ein Profi sein. Ging um Cole Porter und George Gershwin.“ Quasi nebenbei stellt Schauspieler Dangl die acht Charaktere von Judys Männern her. Lebensgewinn. Noch näher hin zu seiner Frau, die mit Kremer sänftigt: „Nicht zu viel zu schnell wollen.“

Ja, und jetzt der erste richtige Roman „Schöne Aussicht Nr. 16“, mit Wut und Herzblut behutsam geschrieben, ohne landläufiges Happy End. Kein Kuss zum Schluss. Stattdessen eine Dangl-SMS: „Am 23. und 24. 12. spiele ich den Frosch in der Fledermaus in Moskau – auf Russisch.“

(KURIER/RO RAFTL) 

Der Standard, 22.9.2012

 

Der Prinz mit der feuchten Aussprache

 

Mit Standing Ovations wurde die Erstaufführung von "The King's Speech" in den Wiener Kammerspielen gefeiert

 

Auf feine, hintergründige Weise wird Prinzenerziehung betrieben. Michael Dangl und Toni Slama brillieren.

 

Wien - Lichtspot an: Sie werden an dieser Stelle kein Sterbenswörtchen über Hollywood lesen, außer das unumgänglich Notwendige. David Seidlers amüsanter Stoff The King's Speech wurde von Tom Hooper verfilmt und 2011 mit vier Oscars ausgezeichnet. Colin Firth erhielt die Trophäe für seine Darstellung des stotternden Windsor-Prinzen Albert. "Bertie", dem nachmaligen George VI. (1895-1952), gelang es mithilfe eines australischen Logopäden, seine peinigende Schwäche in den Griff zu kriegen. So weit, so menschlich berührend. Licht aus.

 

Licht wieder an. Eine dunkelgraue Gesellschaft von britischen Hof-Offiziellen steht auf der Bühne der Wiener Kammerspiele (Einrichtung: Erich Uiberlacker). Die Schirme sind aufgespannt. Im Beisein des Königs (Erich Schleyer) soll Prinz Bertie (Michael Dangl), zweiter Anwärter auf den Thron, ein paar wohlgesetzte Worte in das BBC-Mikrofon sprechen.

 

Der Auftakt der Erstaufführung von The King's Speech - Die Rede des Königs ist peinigend. Bereits der erste Nachhall lässt Bertie fürchterlich erschauern. Das Prinzlein zittert wie Espenlaub. Nach der oralen Meuchelung von ein paar harmlosen Floskeln zieht der Hofstaat, voran der Monarch, reichlich indigniert von dannen.

 

Nichts deutet vorläufig darauf hin, dass Bertie König werden könnte. Sein Gebrechen versteckt der bürgerlich gesonnene Prinz hinter einer gewissen Steifheit. Behutsam entwickelt Regisseur Michael Gampe den Fall einer markanten Persönlichkeitsveränderung. Je näher der Prinz an den Thron heranrückt - sein Bruder David (Nicolaus Hagg) ist ein früh verlebter Filou -, desto mehr reckt sich und streckt sich der schüchterne Stotterer. Er wird ernst und zeigt Zähigkeit. Er überwindet sein Gebrechen und greift nach Krone und Szepter.

 

Sein Sprachlehrer (Toni Slama) aber ist sein Mephisto: ein Desperado aus "Down under", der mit bürgerlichem Anstrich und selbstsicherem Gebaren den Underdog vergessen lässt. Zwei Neurotiker erlernen voneinander die Kunst, nützlich zu sein. Der bürgerliche Prinzenerzieher verwindet die Schmach, als Schauspieler nicht zu reüssieren. Der spätere König George aber wird auf den Tugendpfad gelenkt: Er handelt verantwortlich. Er steht im Disput mit dem finsteren Erzbischof von Canterbury (Alexander Strobele) seinen Mann und zeigt sich sogar dem undurchdringlichen Zyniker Churchill (perfekt nachgebautes Double von Siegfried Walther) leidlich gewachsen.

 

Man darf es dieser feinen Aufführung durchaus nachsehen, dass die Frauenfiguren vor allem hübsch (Alexander Krismer als Prinzessin Elisabeth), patent (Therese Lohner) oder stumm (Eva Mayer) sind. Seine entscheidende Rede, die Großbritannien wachrütteln und gegen Hitler-Deutschland mobilisieren soll, geht George VI. prächtig über die Lippen. Zugleich meint man, in Dangls Gesicht bereits die beginnenden Anzeichen von Erschöpfung und Resignation zu erkennen. König zu sein ist kein Honiglecken. Das Licht ging aus in Wien, und ein frenetischer Jubel brach in Beisein des Autors los. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22./23.9.2012)

 

 Die Presse, 22.9.2012

 

Wiener Kammerspiele: Hilfe, der König stottert!

 

Tom Hoopers mit vier Oscars ausgezeichneter Kinofilm „The King's Speech“ dauert nicht einmal zwei Stunden. In den Wiener Kammerspielen hat sich Regisseur Michael Gampe bei der Bühnenfassung ein paar Minuten mehr genommen, um die ungewöhnliche Beziehung zwischen einem stotternden Prinzen, dem späteren König George VI. (1895–1952), und seinem Sprachtherapeuten Lionel Logue zu zeigen. Der Dependance des Theaters in der Josefstadt ist damit tatsächlich ein Kunststück gelungen: David Seidlers Drama und Drehbuch „Die Rede des Königs“ sprüht vor trockenem angelsächsischen Witz.

 

Zum Gelingen trägt das intelligente Bühnenbild einiges bei. Erich Uiberlacker hat zwei Seitenwände aus Holz schwenkbar gemacht, was temporeiche Szenenwechsel garantiert. So entstehen breite oder spitz zulaufende Räume – im Buckingham Palace zum Beispiel, bei der BBC oder in Logues Praxis in der Harley Street. An der Rampe hat man ein großes altes Mikrofon platziert. Es erinnert daran, dass eben erst die Rundfunkära begonnen hat. Auch die Royals kommen nun in jedes Wohnzimmer. Das Mikrofon hängt wie ein Damoklesschwert über dem künftigen König, das wird in der ersten Szene klar, als er noch Herzog von York ist. Das Establishment hat sich im Wembley-Stadion versammelt, unter Schirmen schaut man zu, wie der Stotterer mit seiner Rede grandios scheitert.

 

Michael Dangl macht aus diesem von der Familie Bertie gerufenen zweiten Sohn ein Kabinettstück. Toni Slama als sympathisch-schrulliger Therapeut harmoniert prächtig mit ihm. Auch Logue hat eine Schwäche: Er will auf die große Bühne – und scheitert. Wenn Slama bei solch einem Vorsprechen Richard III. oder König Lear gibt, wird das zur Persiflage würdevoller Schauspielkunst. Die Dialoge der Protagonisten sind pointiert, die übrige Besetzung passt perfekt. Alexandra Krismer wird als willensstarke Herzogin von York (die spätere Queen Mum) am Ende ebenso kräftig bejubelt wie das Männerduo. Therese Lohner hält sich als Logues besorgte, liebende Ehefrau Myrtle klug zurück, während Eva Mayer sich als Wallis Simpson so verrucht austobt, wie man es von der Geliebten Edward VIII. (Nicolaus Hagg) erwartet.

 

Aus Liebe zu ihr dankt Berties großer Bruder Ende 1936 ab, aber schon zuvor weiß man, dass mit der zweifach geschiedenen Bürgerlichen kein Staat zu machen ist: Sie schickt den König auf Partys Champagner holen wie einen Domestiken oder schmeißt sich animierend an ihn ran. Schlimmer noch: Mrs. Simpson hat Verbindung zu den Nazis. Die Granden sind sich einig: Diese Königin der Nacht muss weg.

 

 

 

Das Empire rhetorisch rüsten – gegen Hitler

 

Das setzt Bernie gewaltig unter Druck, mehr noch als es sein strenger Vater George V. (Erich Schleyer mit viel Schneid) einst tat. George VI. muss jetzt die großen Reden halten, mit denen das ganze Empire aufgebaut werden soll gegen Adolf Hitler. Dessen Reden donnern wie die Perfektion des Bösen durch den Raum, als Bernie noch rhetorische Peinlichkeit verbreitet. „Helfen Sie mir, König zu sein!“, beschwört er Logue, der das Stottern durch neueste und bewährte Methoden lindert. Kopfhörer und Aufnahmegeräte kommen zum Einsatz, wenn Bertie einen Hamlet-Monolog abarbeiten muss, es wird getanzt, gesungen und geflucht. So entwickelt sich eine Freundschaft, die alle Intrigen übersteht. Logue ist großzügig wie ein König, der König wird menschlich. Alles wird gut. Seine Majestät ruft seine Völker zum Kampf, fast fehlerfrei, wie sogar der mächtige Redner Churchill zugeben muss: „Ich hätte es selbst nicht besser machen können!“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

 

 The King's Speech: Sprachlos schön (KURIER. 22.9.2012)

 

In den Wiener Kammerspielen brillieren Michael Dangl und Toni Slama in "The King’s Speech". Die Josefstadt hat zurzeit einen Lauf.

 

Die Standing Ovations zum Schluss galten zu Recht den Hauptdarstellern: Michael Dangl als stotternder Prinz Bertie und Toni Slama als dessen Sprachtherapeut Lionel Logue. Vor allem Ersterer beeindruckt mit seiner Charakterstudie des späteren britischen Königs George VI., Vater der Queen, dass einem beinah so die Sprache wegbleibt, wie der von ihm dargestellten Figur. Wie leicht könnte ein Stotterer zur Karikatur werden. Dangl meistert die Übung mit Bravour.

 

Es war kein geringes Wagnis des Theaters in der Josefstadt, den vierfach Oscar-gekrönten Film "The King’s Speech" (mit Colin Firth und Geoffrey Rush) auf die Bühne der Kammerspiele zu heben. Die Inszenierung von Michael Gampe braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Denn Gampe arbeitet aus dem Stoff von Autor David Seidler neue, allerfeinste Nuancen heraus.

 

Die Geschichte

 

Prinz Bertie, Nummer zwei der Thronfolge, kämpft bei Ansprachen mit peinlichen Aussetzern. Auf Betreiben seiner Frau Elisabeth – besser bekannt als Queen Mum – versucht er sein Handicap mit einem Lehrer (der ein verkrachter Schauspieler ist) in den Griff zu kriegen. Sein Vater stirbt.

 

Sein Bruder Edward wird König. Muss aber wegen seiner Liaison mit Wallis Simpson abdanken. Nachfolger Bertie soll nach der Kriegserklärung an Hitler eine Rede an die Nation halten...

 

Gampe führt seine Schauspieler sicher und elegant über den schmalen Grad zwischen dem trockenen Humor der Textvorlage und der Verzweiflung der Figuren.

 

Dangl verschluckt sich buchstäblich am Zorn, zwischen dem strengen Vater George V. (Erich Schleyer) und dem spottenden, schnöseligen Salonlöwen Edward (starke Leistung von Nicolaus Hagg) eingezwängt zu sein.

 

Gampe arbeitet Edwards Hingabe ans Hakenkreuz – den historisch wahren Grund für den von Churchill (Siegfried Walther: dem Original auch optisch sehr ähnlich) erzwungenen Thronverzicht – stärker heraus, als der Film.

 

Scheitern an Königen

 

Toni Slama legt Lionel Logue als erdigen Australier an, der nie ein Hehl daraus macht, dass er in Bertie den besseren König, den einzig möglichen Widerpart gegen das Dritte Reich sieht. Er ist kein Gentleman, sondern die Stimme aus dem Volk. Wie Slama ihn bei "Vorsprechen" immer wieder an Königsrollen von Richard III. bis Lear scheitern lässt, lässt Logues eigene Tragödie, nie als Mime reüssiert zu haben, erkennen.

 

Halt geben ihren Männern Alexandra Krismer als Elisabeth und Therese Lohner als Myrtle Logue. Das Ensemble glänzt. Die Josefstadt hat zurzeit einen Lauf.

 

 

 

APA0058 5 KI 0649                                     Fr, 21.Sep 2012 
 Kunst/Theater/Kunst & Kultur/Wien/Kritik

 

Bertie beißt sich durch: "The King's Speech" in den Kammerspielen

 

Utl.: Österreichische Erstaufführung des Stücks zum Film wurde in der Regie von Michael Gampe ein voller Erfolg - Michael Dangl beeindruckte als stotternder König (Von Wolfgang Huber-Lang/APA) - BILD=

 

Wien (APA) - Gleich zu Saisonbeginn präsentiert sich das Wiener Theater in der Josefstadt in Bestform. Nach einer formidablen Neuinszenierung von "Kasimir und Karoline" im Haupthaus wagte man sich in den Kammerspielen an die Österreichische Erstaufführung von "The King's Speech" von David Seidler. Ein Wagnis deshalb, weil der Film von Tom Hooper 2011 gleich mit vier Oscars gekrönt wurde (bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller und bestes Originaldrehbuch). Die Bühnenproduktion braucht jedoch keinen Vergleich zu scheuen. Die gestrige Premiere endete in Standing Ovations.

 

Die erst im Februar uraufgeführte Stückfassung, die der Brite David Seidler im Zuge des Drehbuchschreibens anfertigte und im November ihre Deutsche Erstaufführung im Hamburger St. Pauli Theater haben wird, fokussiert das Thema auf die zentrale Geschichte, ohne ganz auf Nebenfiguren zu verzichten. Die Bemühungen des Herzogs von York (1895-1952), der nach Abdankung seines Bruders Edward VIII. zum englischen König George VI. gekrönt wurde, mithilfe des australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue sein Stottern in den Griff zu bekommen und wichtige Reden und Radioansprachen ohne demütigende Hacker und peinliche Aussetzer halten zu können, stehen im Mittelpunkt.

 

Die Inszenierung Michael Gampes setzt in dem praktikablen, einfachen Bühnenbild von Erich Uiberlacker, das mit drehbaren Seitenwänden den Raum immer wieder bedrohlich eng macht, ganz auf die verzwickte Konfrontation der höchst unterschiedlichen Männer. Sie kämpfen gegeneinander und gleichzeitig miteinander gegen einen gemeinsamen, ungreifbaren Feind. Logue macht kein Hehl daraus, dass er in "Bertie" den besseren König und den entschiedeneren Widerpart gegen Hitler sieht - ein Wandeln am Rande des Hochverrats, solange der in seine Affäre mit der Amerikanerin Wallis Simpson verstrickte Bruder noch König ist.

 

Michael Dangl gelingt als George VI. ein mehrfaches Kunststück: Er bewahrt glaubwürdig die Würde seiner Herkunft, ohne die Bürde seines Amts jemals zu vergessen. Er zeigt die Tragödie eines Menschen, den eine offenbar psychisch begründete Sprachstörung an seiner Berufung hindert, und der sein Zwerchfell öffnen kann, als er sich als Mensch öffnet und abseits des Protokolls einen Freund findet, den er respektieren und dem er vertrauen kann. Und er macht Colin Firth vergessen, der für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Eine ganz große Leistung.

 

Toni Slama legt seinen Lionel Logue erdiger an als der große Geoffrey Rush im Film, weniger Gentleman als Vertreter des einfachen Volkes. Seine eigene Tragödie, statt ausgebildeter Mediziner bloß gescheiterter Schauspieler zu sein, kommt so besser zu Geltung. Alexandra Krismer überzeugt als Georges liebende Gattin Elizabeth, unserer Generation eher als steinalte Queen Mum in Erinnerung. Eva Mayer umgarnt als nicht sonderlich attraktive, doch erotisch aktive Wallis Simpson erfolgreich den lebenslustigen und eigensinnigen Edward VIII. (Nicolaus Hagg). Aus dem übrigen Ensemble ragen Siegfried Walther als bestechender und dem realen Vorbild unglaublich ähnlicher Winston Churchill und Alexander Strobele als sinistrer Erzbischof von Canterbury heraus.

 

Am Ende muss "Bertie" nach der Kriegserklärung gegen Hitler-Deutschland eine Rede an die Nation halten. Die Zeitreise gelingt spielend, und der ganze Saal fiebert mit. Ein Mini-Drama in Großaufnahme, voller Emotion. Die Übung gelingt. Diese "King's Speech" wird ein voller Erfolg, wie auch der ganze Abend. Und Dangl wird ebenso wie das ganze Ensemble und Autor Seidler mit Standing Ovations gefeiert.

  

WIEN / Kammerspiele: THE KING’S SPEECH

 

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt: 
 THE KING’S SPEECH – DIE REDE DES KÖNIGS von David Seidler
 Österreichische Erstaufführung
 Premiere: 20. September 2012,
 
 

 

Manchmal schreibt das Leben doch die unglaublichsten Geschichten. Da ist eine große Firma, ein strenger Papa, ein völlig leichtfertiger erster Sohn und Erbe, ein seelisch gedrückter, stotternder, verlachter zweiter Sohn, an den man sich erst erinnert, wenn der erste so gar nicht im Sinn der „Firma“ funktionieren will. Und wenn dieses Firma das Englische Königshaus ist (Queen Elizabeth II. pflegt ihre Familie tatsächlich so zu nennen) – dann haben wir es in diesem Fall mit einer wahren Geschichte zu tun.

 

Albert, der Herzog von York, später König George VI., Vater der derzeitigen Königin, ging wirklich und wahrhaftig durch die Hölle, um seiner Behinderung – des peinlichen Stotterns – Herr zu werden und seinen Beruf ausfüllen zu können. Aus Pflichtgefühl, aus Anstand, aus Verantwortungsbewusstsein (alles, was seinem Bruder David, kurzfristig König Edward VIII., langzeitig der Herzog von Windsor) fehlte.

 

An dergleichen erinnert man sich nicht so gerne im Königshaus, und als man an „Queen Mum“, die Gattin dieses Albert, an dessen Seite sie Königin wurde, mit der Bitte herantrat, diese Geschichte erzählen zu dürfen, ersuchte sie verständlicherweise darum, dies bis nach ihrem Tod zu verschieben – es sei zu schmerzhaft. Man musste zwar lange warten, denn die Dame wurde über hundert (wie es offenbar auch ihre Tochter, die gegenwärtige Königin, anstrebt), aber dann war der Weg frei. Das Ergebnis war zuerst ein wirklich brillanter Film, der 2010 vier „Oscars“ erhielt und noch zwei weitere, für die Nebendarsteller, mehr als verdient hätte.

 

Wie der Herzog von York die Hilfe eines (wie man später erfährt: offiziell „dubiosen“) australischen Sprachtherapeuten in Anspruch nimmt und dabei nicht nur lernt, seine – wohl vor allem psychische – Behinderung zu überwinden, sondern auch den Kopf aus den Wolken des Buckingham Palastes ein wenig ins wirkliche Leben zu stecken, kommt nun auch in den Josefstädter Kammerspielen auf die Bühne. Was David Seidler als Drehbuch für den zu Recht prämierten Film schrieb, existiert angeblich schon seit Jahrzehnten als Theaterstück – ist aber erst durch den Filmruhm interessant geworden.

 

Wenn wir unsere Bio-Musicals über die Habsburger haben, warum die Briten nicht die Bio-Pics (es sind vor allem Filme) über Queen und Konsorten? Uns interessiert das weniger vom Royality-Touch her (den die Inszenierung auch diskreterweise nicht aufplustert), sondern als psychologische Story. Allerdings ist zu hoffen, dass nicht viele Theaterbesucher den Film gesehen haben: Denn wenn man weiß, wo’s langgeht, ist die Geschichte nicht mehr übertrieben spannend.

 

Allerdings ist sie so gut gemacht und so gut gespielt, dass es allein um des Handwerks wegen eine Lust ist zuzusehen, wie so ein Well Made Play in edelster Josefstädter Qualität auf die Bühne gebracht wird: mit schlichtestem Aufwand, wenig mehr als zwei verschiebbaren Holzwänden, die Erich Uiberlacker auf die Bühne stellte und die sogar „dramaturgisch“ verwendbar sind, um gelegentlich zu zeigen, wie sehr die Hauptfigur beengt und bedrängt wird; und mit Kostümen, die das Geschick und den Geschmack von Birgit Hutter beweisen. In diesem einfach-stimmigen Umfeld beweist Regisseur Michael Gampe wieder einmal, dass er punktgenau arbeiten kann wie wenige, dass die Befindlichkeit jeder Gestalt bis ins Detail (auch wenn er oder sie scheinbar unbemerkt am Rande steht) ausgeführt ist, dass er exakt die Pointen setzt, es aber nicht um jeden Preis tut: Man ist zwar in den Kammerspielen, aber Lachtheater ist das nicht. Blickt man genauer hin, hat Autor David Seidler ja hier gleichnishaft nicht weniger versucht als die Menschwerdung einer Royalen Puppe zu schildern – und das gelingt auch der Inszenierung.

 

Wie schön, dass ein Schauspieler wie Michael Dangl, der in der Josefstadt seit längerer Zeit nicht mehr so in der ersten Reihe stand wie er es verdient (im Ensemble altersmäßig offenbar eingeklemmt zwischen Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister und folglich oftmals übergangen, wie es scheint), hier endlich eine Rolle gefunden hat, in der er sein ganzes Können ausspielen kann – als Handwerker seines Berufs und als Persönlichkeit. Wenn man sagt, dass er sich auf Augenhöhe mit dem “oscar”-gekrönten Filmkollegen Colin Firth bewegt, ist das das höchste Lob in diesem Zusammenhang. Dieser „Bertie“, der da in seinen Maßanzügen steif herumsteht, weil er sich in seiner Haut so fürchterlich schlecht fühlt, ist erst nicht mehr als ein armer Hund, der von seinem dominanten Vater (Erich Schleyer in der viel zu kurzen Rolle des alten Königs) verächtlich niedergebellt wird. Das Radiomikrophon ist für ihn die aktuelle Bedrohung, denn hier wird öffentlich, worüber sich sonst nur die Familie mokiert – dass der arme Kerl aus Verlegenheit, Unsicherheit, als Antwort auf den ungeheuren Druck, den man auf ihn ausübt, eben stottert. Der Versuch, in der Öffentlichkeit via Radio zu sprechen, wird solcherart zur Peinlichkeit, die von der ganzen Nation wahrgenommen wird. Eine für seinen Repräsentations-Job geradezu tödliche Behinderung also.

 

Aber dieser Bertie ist eben doch kein lächerliches Würstchen, denn er versucht mit Entschlossenheit, etwas dagegen zu tun. Und ein erfolgloser australischer Schauspieler aus Perth, der mit Familie nach London gekommen ist, um hier die großen Shakespaere-Rollen zu spielen (ha! In zwei Kleinstszenen sieht man, wie er bei Vorsprechen von der Bühne gefegt wird), kann sich seinen Lebensunterhalt nur als Sprachtherapeut verdienen. Es ist wichtig, dass er Australier ist – solcherart geht er nicht in die Knie, wenn er den Herzog von York erkennt. (Selbst seine Frau atmet tief durch und behauptet sich, als sie plötzlich dem Mitglied des Königshauses gegenübersteht, statt in royale Zuckungen der Begeisterung und Devotion zu verfallen.)

 

Dass man zu einem Mitglied des Königshauses fünf Schritte Distanz halten muss, dass man es eigentlich nicht ansprechen darf – so funktioniert das nicht bei einer Therapie. Das wird auch zu einem menschlichen Schlagabtausch, und da bewährt sich Bertie-Dangl so überzeugend wie der Lionel von Toni Slama, der die Erfolglosigkeit seiner Existenz ausstrahlt, aber die nötige Stärke hat, wenn es darum geht, die Komplexe des bedauernswerten Mannes mit ihm aufzubrechen.

 

Die beiden sind das Stück, aber es gibt eine Menge kleiner Nebenrollen, die sehr viel Effekt machen können, wenn man sie richtig besetzt und führt wie hier: Churchill, Ministerpräsident Baldwin und der Erzbischof von Canterbury sind ein politisches Trio Infernal, wobei der Churchill von Siegfried Walther ganz besonders köstlich und optisch geradezu erstaunlich ausfällt, aber auch Oliver Huether und vor allem Alexander Strobele (mit Tartuffe-Frisur) hoch amüsant ihr intrigantes Süppchen kochen.Nicolaus Hagg als Herzog von Windsor (der ja wegen seiner Hitler-Sympathien so besonders verachtet wurde und vermutlich auch aus diesem Grund gehen musste) undEva Mayer als Wallis Simpson erfüllen ihre Aufgabe, „modern“-provokante Störenfriede in der steifen royalen Welt zu sein: Man mag sie nicht, und das ist im Gefüge des Stücks richtig so.

 

Im übrigen gibt es nur zwei weitere Frauenrollen, und es ist schade, dass Alexandra Krismer als Berties Gattin so farblos-steif bleibt (denkt man an den herrlich verschrobenen Charme, den Helena Bonham-Carter dieser Figur auf der Leinwand gegeben hat), während Therese Lohner die loyale australische Ehegattin mit starker Eigenpersönlichkeit ausgezeichnet in den Griff bekommt.

 

Wie pflegen die Herrschaften der Königshäuser zu sagen: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut? Ja, das ist es.

 

Renate Wagner

 

"Manchmal den Mund halten!"

Der Film "The King's Speech" mit Colin Firth in der Titelrolle heimste mehrere Oscars ein. Am Donnerstag hat David Seidlers Stück am Theater in der Josefstadt Premiere

Michael Dangl spielt den stotternden George VI. Eva Biringer sprach mit dem Schauspieler.

STANDARD: Wie war die Arbeit an einem so bekannten Stück? Kaum jemand kennt den Film nicht.

Dangl: Uns kann nichts Besseres passieren, als ein Stück zu spielen, das jeder kennt! Auch ich habe ihn gesehen, aber ich habe ihn nicht noch einmal angeschaut, als ich wusste, dass ich die Rolle spielen würde. Denn ich wollte eine eigene Geschichte erzählen. Und die ist toll genug, dass man den Film vergessen wird. Außerdem hat David Seidler The King's Speech als Theaterstück geschrieben. Aufgeführt wurde es deswegen erst vor kurzem in London, weil Queen Mum es zu ihren Lebzeiten verboten hat.

STANDARD: Colin Firth als George VI. hat den Oscar bekommen. Belastet diese Konkurrenz?

Dangl: Überhaupt nicht. Es ist doch großartig, wenn jemand diese Rolle schon einmal gespielt hat und dafür belohnt wurde. Ich sehe da keine Rivalität. Alles, was mit Qualität zu tun hat, ist in diesem Beruf bereichernd, weil es positive Energien erzeugt. Wie kann ich da ein schlechtes Gefühl haben? Viel wichtiger als der Film war für mich die historische Figur des Bertie. Als Persönlichkeit, als Mensch.

STANDARD: Wie haben Sie sich diesem Bertie angenähert?

Dangl: Indem ich möglichst viel über ihn in Erfahrung brachte. Und über seinen Defekt, das Stottern. Man weiß noch immer nicht, wie es eigentlich entsteht; man weiß, dass traumatische Erlebnisse das Stottern auslösen, aber jeder stottert anders. Bertie zum Beispiel ist im Umgang mit seiner Frau nahezu stotterfrei, bei seinem Vater bekommt er kaum ein Wort heraus.

STANDARD: Kennen Sie dieses Gefühl der Unzulänglichkeit?

Dangl: Natürlich. Jeder Schauspieler hat Albträume vor Premieren. Egal wie erfolgreich die letzte Premiere war, die Albträume kommen immer wieder. Man tritt vors Publikum und ist einer unsäglichen Blamage ausgeliefert. Ich glaube, wir alle kennen Situationen, in denen es einem buchstäblich "die Sprache verschlägt", aus Traurigkeit, Wut, Zorn, Glück.

STANDARD: Wie gehen Sie damit um?

Dangl: Manchmal den Mund halten, es wird eh zu viel geredet (lacht)!

STANDARD: Machen einen "Defekte" wie Stottern interessanter?

Dangl: So falsch es früher war, den Stotterer zum Idioten zu machen, wäre es unrichtig, ihn heute zu etwas Besonderem zu stilisieren. Gleichwohl ist es so, dass ein Stotterer sein Leben lang viel zurückhält. Er behält mehr von seinem Geheimnis als andere, die gewohnt sind, mehr von sich auszuplappern.

STANDARD: Braucht man gerade als Schauspieler das Geheimnisvolle, um sich von anderen abzuheben?

Dangl: Dieses Geheimnisvolle kann man nicht bewusst erzeugen. Wenn es aufgesetzt ist, desavouiert es sich beim ersten Hinschauen. Wer darauf reinfällt, will darauf reinfallen! Einen Menschen finde ich nicht wegen einer Aura des Geheimnisvollen interessant, sondern weil er interessant ist.

STANDARD: Gibt es eine Rolle nach Bertie, die sie noch unbedingt spielen wollen?

Dangl: Ja - und das werde ich nicht in der Zeitung verkünden! Vielleicht in zwanzig Jahren den Sprachtherapeuten Lionel Logue.

STANDARD: Nach Ihrem monologischen, autobiografisch gefärbten Buch " Rampenflucht" ...

Dangl: Dagegen muss ich mich verwahren: Die Figur hat zwar viel von mir bekommen, war auch Schauspieler, aber: Es war keine Autobiografie!

STANDARD: ... ist soeben Ihr zweiter Roman "Schöne Aussicht Nr. 16" erschienen. Worum geht es da?

Dangl: Es ist vielleicht eine Liebesgeschichte, jedenfalls eine Geschichte über eine Annäherung zweier Menschen. Ich habe das Buch mit viel Wut geschrieben, aber auch mit viel Zärtlichkeit und Humor.

STANDARD: Bei Erscheinen von "Rampenflucht" sagten Sie, es fühle sich noch sehr weit weg an, Schriftsteller zu sein. Und jetzt?

Dangl: Immer noch weit weg, insofern ich das gar nicht so benennen möchte. Ob man dem jetzt das Etikett "Schriftsteller" oder "Schauspieler" gibt, das ist für mich gar nicht so wichtig. All das ist in mir und kommt aus mir. Aber trotzdem ist mir die Bezeichnung "Schauspieler" immer noch sehr nah, weil das ja immer noch mein Hauptberuf ist. (Eva Biringer, DER STANDARD, 19.9.2012)

Vorarlberger Nachrichten, 8.9.2012

Von Begegnungen im Park

Michael Dangl entwirft in „Schöne Aussicht Nr. 16“ eine schlichte Szene, in der er sein Kammerspiel vorführt.

ROMAN. (VN-bs) Es braucht nicht mehr, um die Geschichte der zwei Protagonisten zu erzählen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Mann ist ein Schopenhauer lesender Eigenbrötler, der in beruhigender Gleichmäßigkeit an jedem schönen Tag die Bank in einem abgelegenen Teil des Stadtparks aufsucht. Die Frau, eine temperamentvolle Dame in den besten Jahren, die sich noch einmal in ein Liebesabenteuer stürzen möchte, das Herz auf der Zunge, weswegen sie die Bank im Park findet. Von dort aus nämlich sieht man auf den Eingang einer Bar, wo sie ihre jeweiligen Verehrer, per Kontaktanzeige, hinbestellt, nicht ohne die vermeintlichen Lieben in spe vorher zu begutachten. So lernen sich die beiden kennen.

Es ist einfach komisch, wie Dangl die beiden unterschiedlichen Temperamente einfach aufeinanderprallen lässt, aus einer zuerst zufälligen – und den Mann ausschließlich störenden – Begegnung entwickelt sich eine Bekanntschaft, näher und näher, bis sie schließlich aneinander Anteil nehmen und am Ende auch Gefühle entwickeln. Komisch auch die Charakterisierung des Mannes als modernen Hagestolz, der mit Schopenhauer im Leben nur ein Jammertal sieht, ebenso komisch die Frau, die mit ihrer lebendigen Art so ganz anders ist. Beide Figuren sind auf der Suche, beide Figuren haben sich am Ende des Stücks so weit verändert, dass sie den jeweils anderen wahrnehmen können.

Gespür für Dialoge

Michael Dangl arbeitet seit Jahrzehnten als Schauspieler und er zeigt auch in seinem zweiten Roman ein besonderes Gefühl für Dialoge, für das Setting. Eingestreut in die verschiedenen Begegnungen spintisiert Dangl ein wenig über das Wesen der Natur und seine Auswirkungen auf den Menschen. Gelungen etwa ein Exkurs über den sprichwörtlichen „Grant“ der Österreicher, der ja so typisch sein soll, und den Dangl auf das spezielle Wetter in Österreich zurückführt, denn hier seien die Menschen eben „vom Klima Geschlagene“.

Dangl ist ein kluges, ein charmantes Buch mit einem durchaus überraschenden Ende gelungen.

Michael Dangl: „Schöne Aussicht Nr. 16“, Verlag Braumüller, Wien

"Grossartige Prosa, tief berührend, ein literarisches Juwel."

Inkultura-online.de

 

 Michael Dangl

 Rampenflucht
 Ein Nachspiel 

"Ein einzigartiges, ein schockierendes Buch, das leidenschaftlich brennend Max Reinhardts Maxime folgt: ‚Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung‘.“  Barbara Rett, Kulturjournalistin

"In seiner Analyse schonungslos, in seiner Attacke hemmungslos, eine Freude!" - Peter Turrini

"Noch nie habe ich Treffenderes, Interessanteres, Spannenderes und auch Witzigeres über das Theater, über den Schauspielerberuf gelesen.“ - Felix Mitterer, Dramatiker und Schauspieler

"Wer so schreibt wie Michael Dangl, so verletzt und verletzlich und verletzend, so schonungslos und sehnsüchtig, so atemberaubend radikal und wahnwitzig offenherzig, der ist entweder dem Theater längst entkommen. Oder ihm hoffnungslos und auf immer verfallen." - Andrea Schurian, Der Standard, 4. Januar 2011

„NOCH NIE HAT JEMAND SO HEMMUNGSLOS HINTER DIE KULISSEN GELEUCHTET, ABER MICHAEL DANGL GELINGT DAS KUNSTSTÜCK; DASS ES ZUGLEICH ALS HASS- UND ALS LIEBESERKLÄRUNG AN DAS THEATER RÜBERKOMMT.“   Die Bühne, 6/2011

"Selten wurde so zornmütig und zugleich so sprachmächtig über die Unarten des Theaterbetriebs hergezogen, über verlogene Proben- und sinnentleerte Vorstellungsrituale." - Oliver vom Hove, Die Furche, 4. November 2010

"Ein beeindruckend sicheres und überzeugendes Debüt, ein starker und eindringlicher Text." - Roland Freisitzer, www.sandammeer.at 

"Hammerhart - und deswegen großartig!" - Dominique Horwitz, deutscher Schauspieler und Sänger

"Michael Dangl schafft es, die verborgenen Wahrheiten unseres Berufes, die Gedanken, die wir in unseren Tag- und Nachtträumen sogar zu begraben versuchen, glasklar zu durchleuchten. Seine Liebe für den Beruf immer im Duett mit dem lauernden Abscheu und der ewigen Seinsfrage. Es tut weh, und es ist gleichzeitig ein Elixier." - Sona MacDonald, Schauspielerin und Sängerin

"Schön und lebendig, witzig und packend geschrieben. Ich liebe das Buch, die Lektüre ist ein großes Vergnügen. Toller, direkter Ton, genial!" - Klaus Pohl, Dramatiker und Regisseur

„Harte Kost für einen Schauspieler!“ Peter Simonischek, Schauspieler

„Was für ein wunderbarer Text!“ GIDON KREMER, Violonist

http://www.wienerzeitung.at/app_support/print.aspx?tabID=4664&alias=wzo&cob=566215&mID=15309&ModId=15309

 


Michael Dangl: Familienbande

12.04.2012 | 14:24 |  von Barbara Petsch (Die Presse - Schaufenster)

Zerrüttete Eheverhältnisse und unterdrückte Mordgelüste kennt Michael Dangl nur von Berufs wegen.

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Fünfzig Rollen in 3000 Vorstellungen hat Michael Dangl im Josefstädter Theater gespielt, vom Figaro in Beaumarchais' „Der tolle Tag“ bis zum Stani in Hofmannsthals „Der Schwierige“. Ab 19. April steht der gebürtige Salzburger in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von US-Nobelpreisträger Eugene O'Neill auf der Bühne – als schwindsüchtiger Edmund inmitten einer drogensüchtigen Katastrophen-Familie rund um einen berühmten Schauspieler. Dangl selbst trat bereits mit vier Jahren erstmals auf – mit seinen Eltern, sie betreiben die Wandertheater-Truppe „Karawane Salzburg“. Dangls eigene Erfahrungen mit Familie sind vorwiegend positiv. Er ist mit einer russischen Flötistin verheiratet und hat eine zweijährige Tochter, Anfisa.
O'Neills autobiografisches Drama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ aus dem Jahr 1940 wird oft gespielt, obwohl es so trist ist. Warum?
Weil es ein tolles Stück ist und vier gleichwertige, richtig saftige Rollen bietet. Außerdem findet jeder in diesem Werk sehr viel, was ihn betrifft. Egal, ob er es selbst erlebt oder bei anderen beobachtet hat. Jede Familie kämpft mit Tabus, Verdrängungen.
Das Stück zeigt die Selbstzerfleischung einer Familie an einem einzigen Tag als eine Art antike Tragödie in moderner Version: Die morphiumsüchtige Mutter Mary ist gerade aus der Entziehungsanstalt heimgekehrt und fällt zurück in die Sucht. Ihr Mann James, ein berühmter Schauspieler, und der ältere Sohn, Jamie, sind Alkoholiker, der jüngere Sohn Edmund wird bald an TBC sterben. Im Grunde hat O'Neill relativ genau seine eigene Familiengeschichte niedergeschrieben.
Ja. O'Neills Vater hat am Broadway ca. 6000 Mal den Grafen von Montechristo gespielt und war das Idol der sogenannten Matinee-Girls, der Damen. Er war auch sehr viel auf Tournee. Seine Frau ist jahrzehntelang mit ihm durchs Land gereist, hat in Hotelzimmern auf ihn gewartet und dort auch die Kinder zur Welt gebracht. Eine Geburt war besonders schwer, der Hotelarzt hat ihr Morphium gegeben, dadurch ist sie süchtig geworden. Eugene O'Neill hat ihr das nie verziehen. Er hat sich in Edmund abgebildet, den ich spiele. Eine Zeitlang ist Eugene mit der Truppe seines Vaters herumgereist, dann ist er zur See gefahren. Dabei hat er sich fast kaputt gesoffen. Er hat einen Selbstmordversuch unternommen, sich Malaria und Tuberkulose eingefangen. Seine Frau, für die er eine rührende Widmung in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ hineingeschrieben hat, rettete ihn. Durch sie wurde sein Leben etwas heller.
Sie wirken ziemlich jugendlich und fit. Wie wollen Sie dieses Wrack Edmund spielen?
Zum Glück muss man nicht alles am eigenen Leib erlebt haben, was man spielt. Ich habe ja auch Mordgelüste, z. B. gegen Kritiker (lacht), trotzdem töte ich niemanden. Man begibt sich auf eine Höllenfahrt in diesem Stück, das drückt natürlich aufs Gemüt. Ich möchte das auch gar nicht anders, weil ich sonst das Gefühl hätte, ich kann die Figur nicht herstellen.
Sie stammen selbst auch aus einer Schauspielerfamilie. Welche Erfahrungen haben Sie?
Ich kann nur sagen: die besten. Ich bin ein Einzelkind und mit meinen Eltern viel unterwegs gewesen. Unser Theater war nicht reich, aber es gab keine Tragik und mein Vater ist auch nicht jeden Abend betrunken heimgekommen. Meine Eltern sind ein Sonderfall, ich kenne kein Ehepaar, das so ständig und unzertrennlich zusammen ist. Die beiden sind jetzt 75 und 67, sie treten noch immer zusammen auf, meist in kleineren Produktionen, Lesungen, ein Ensemble gibt es nicht mehr. 
Bietet Familie Wärme und Geborgenheit?
In jeder noch so intakten Familie gibt es Geheimnisse, Verletzungen. Die heile Welt existiert nicht, außer in Werbespots. Familie ist, ehrlich gesagt, vielleicht gar nicht so mein Ding, für mich hat das nichts Verklärtes. Für mich ist das kein heiliges Wort. Freundschaft, miteinander etwas gestalten, künstlerische Partnerschaft, das sagt mir alles viel mehr. Ich habe mich mit meinen Eltern nicht so sehr als Familie empfunden, wir waren ein Team, wir waren Kumpel. Ich war sehr viel mit Schauspielern unterwegs, immer mit Älteren beisammen. 
Kann das Theater eine Familie sein?
Nein. Vielleicht in den jeweiligen Produktionen, wo sich Gruppen bilden, die sich wochenlang auf eine Reise begeben. Aber das ist mehr so eine Mannschaft.  
Würden Sie im Rahmen einer Familienaufstellung gerne jemanden kennenlernen?
Ja! Meine beiden Großväter. Ich bin außer mit meinen Eltern praktisch ohne Familie aufgewachsen. Die Großväter sind im Sinne Thomas Bernhards die Lehrer, wir hören immer, dass wir so viel von ihnen haben, genetisch, auch sonst.
Sie haben eine witzige Abrechnung mit dem Theater geschrieben, „Rampenflucht“. Gibt es bald wieder ein Buch von Ihnen? 
Ja, und ich hoffe, dass mein neues Buch es schaffen wird, aus der Theaterecke herauszukommen, und als eigenständiger Roman betrachtet wird. Es handelt von einer Stadt, in der die Menschen ein unglückliches Leben führen – und dann gibt es da einen Park und zwei ältere Leute, die das Glück suchen.

"Theater nimmt das Leben unter die Lupe"

Michael Dangl

 

 

   

Von Christine Dobretsberger

 

Der Schauspieler Michael Dangl über das zwiespältige Verhältnis zu seinem Beruf, sein davon handelndes Buch "Rampenflucht"“ – und darüber, warum Demokratie am Theater nicht funktioniert.

 

 "Wiener Zeitung":  Herr Dangl, Ihr erstes Prosawerk, "Rampenflucht", wirft einen ziemlich desillusionierenden Blick hinter die Theaterkulissen. Hätte ich jemals mit dem Gedanken gespielt, Schauspielerin zu werden, hätte ich spätestens nach der Lektüre dieses Buches die Finger davon gelassen. Warum haben Sie es geschrieben? 

 

Michael Dangl: Das kam so: Ich habe in den Kammerspielen die Figur des Stefan Kowalsky im Stück "Butterbrot" von Gabriel Barylli gespielt. Dieser Kowalsky ist ein Schauspieler, der ebenfalls schreibt und in seinem Berufsleben an einem Punkt angelangt ist, wo er genug vom Theater hat. In der verzweifelten und aggressiven Stimmung des Kowalsky war damals auch ich als Darsteller der Figur.

 

 Und aus dieser Gefühlslage heraus haben Sie begonnen zu schreiben? 

 

Ja, zumal das Stück so beginnt: Kowalsky sitzt schon bei Einlass des Publikums auf der Bühne und schreibt. Da es im Theater oft am besten ist, das wirklich zu tun, was man spielt, habe ich tatsächlich geschrieben. Die ersten Sätze des Buches habe ich auf der Bühne geschrieben. Später wurde das Schreiben zu einer nicht mehr zu bremsenden Flut, bis alles niedergeschrieben war. Bei jeder der Endproben und bei allen Aufführungen von "Butterbrot" habe ich rund zehn Minuten auf der Bühne geschrieben, und als ich dann nach Hause kam, konnte ich nichts anderes tun als weiterzuschreiben. In fünf Wochen war das Werk zum Großteil fertig.

 

 "Rampenflucht" thematisiert die Diskrepanz zwischen dem Traum, den ein Mensch vom Theater hat, und der ernüchternden Realität der Theaterwelt. Mit welchen Hoffnungen haben Sie selbst diesen Beruf ergriffen? 

 

Theaterspielen war für mich das Natürlichste auf der Welt. Ich habe, seit ich mich erinnern kann, Theater gespielt. Ich bin ja mit dem Theater meiner Eltern aufgewachsen.

 

 Was war das für eine Theatergruppe? 

 

Die "Karawane Salzburg", die es übrigens immer noch gibt. Eine Wanderbühne, die zu der Zeit, als ich ein Kind war, im Salzburger Raum herumgereist ist. Wir spielten auf Marktplätzen, in Schulen, Klöstern, Kirchen und Burgruinen. Mit vier Jahren bin ich zum ersten Mal auf der Bühne gestanden.

 

 Sie sind bekannt für Ihre Wandlungsfähigkeit, Ihre Vielseitigkeit. 

 

Vielseitigkeit ist natürlich ein Segen. Es ist ein Glück, gänzlich verschiedene Rollen spielen zu dürfen. Das ist schließlich auch das Wesen dieses Berufes, dass ich heute diese Figur spiele und morgen eine völlig andere.

 

 Was mich auf das in der Theaterszene oft diskutierte Thema der Wahrhaftigkeit bringt. Wie ist es möglich, verschiedene Charaktere mit voller innerer Überzeugungskraft zu verkörpern? 

 

Als großes Paradoxon wahrscheinlich. Einerseits gibt es den Anspruch auf Wahrhaftigkeit, auf glaubhafte innere Überzeugungskraft, andererseits aber auch das Bewusstsein, an diesem Anspruch letztlich scheitern zu müssen.

 

 Von Ulrich Wildgruber gibt es den berühmten Ausspruch: "Ich habe auf der Bühne nicht einen einzigen wahrhaftigen Satz gesagt". 

 

Ja, aber das kann nichts am Wollen, am Streben, am Ringen um Wahrhaftigkeit ändern. Ich denke, wir haben es hier mit zwei Extremen zu tun: mit der Ernsthaftigkeit und mit dem Spiel. Ernsthaftigkeit, die hinter jeder Rollenbeschäftigung stehen muss – egal, ob es um eine tragische Figur geht oder eine komödiantische. Und diese Ernsthaftigkeit ist eingebunden in ein großes Spiel.

 

 Was die Verwobenheit von Leben und Theater betrifft: Inwiefern wirkt sich die Identifizierung mit einer Rolle auf die eigene Identität aus? Schleichen sich mitunter bestimmte Charakterzüge einer Bühnenfigur in die eigene Persönlichkeit ein? 

 

Ich denke, wir müssen immer den Spagat schaffen zwischen einer vollkommenen Auslieferung an diesen Beruf und einer letzten Kontrolle darüber. In meinem Buch steht der Satz: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend – wenn du das jeden Abend machst, dann wirst du verrückt werden". Wir müssen uns gewahr sein, dass wir gleichzeitig empfinden und darstellen. Du kannst auf der Bühne drei Tode gestorben sein oder mit Inbrunst das Liebesleid einer Figur erfahren haben und nach der Vorstellung völlig gerädert sein – trotzdem jedoch kann deine Bühnenwirkung blass gewesen sein. Das ist furchtbar, aber das gibt es.

 

 Kann man die Intensität der eigenen Bühnenpräsenz im Moment des Spielens abschätzen? 

 

Der eigene Eindruck auf der Bühne ist nicht der beste. Das ist meine Erfahrung. Dabei kann man sich sehr täuschen.

 

 Bis zu welchem Grad vergisst man auf der Bühne die eigene Befindlichkeit, all jene Dinge, die einem im Normalfall durch den Kopf gehen? 

 

Ich war vor kurzem beim Zahnarzt und hatte eine Wurzelbehandlung. Gott sei Dank bekommt man heute ja Spritzen. Aber selbst mit Lokalbetäubung bilde ich mir ein, manchmal zu spüren, was das für ein Schmerz sein könnte, wenn die Spritze nicht da wäre. Und so ähnlich geht es mir auf der Bühne mit dem Leben. Für mich muss es vor der Vorstellung unbedingt eine Phase geben, in der ich mich auf die Vorstellung vorbereite.

 

 Wie darf man sich diese Vorbereitungsphase vorstellen? 

 

Früher habe ich oft Musik gehört, die für mich mit der Rolle zu tun gehabt hat. Heute brauche ich meistens Ruhe und Schweigen, um mich in die Welt der jeweiligen Figur zu versetzen. Und dann ist es tatsächlich so, dass ich für die Dauer eines Stückes in dieser Welt bin. Da gibt es nichts anderes, ausschließlich die Konzentration darauf. Das ist ein Zustand, den ich sehr liebe. Es ist eine Insel für mich, für diese Zeit in einer ganz speziellen Welt zu sein, in der man dann aber auch wieder nichts anderes tut, als die Widersprüchlichkeit oder Schönheit der Welt darzustellen.

 

 Wie wirkt sich die persönliche Tagesverfassung auf das Spiel aus? 

 

Natürlich bringe ich am Abend meine eigene Befindlichkeit mit. Dagegen kann ich nichts tun. Aber ich kann versuchen, mich wie ein Instrument auf die Vorstellung einzustimmen.

 

 Wie lange brauchen Sie nach einer Vorstellung, um aus der Rolle zu schlüpfen und wieder in die reale Welt einzutauchen? 

 

Wenn man das Gefühl hat, es ist gut gegangen, dann ist man angenehm erschöpft. Aber das Adrenalin arbeitet in der Brust und im Kopf noch gut ein bis zwei Stunden weiter. Danach ist es meistens ohnedies schon sehr spät und man geht schlafen.

 

 In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Gespräch mit Elfriede Ott. Sie meinte, dass es niemand Einsameren gäbe, als einen Schauspieler, der am Abend ins Theater geht, seine Rolle spielt in einem vollen Haus mit jubelnden Leuten – und dann mutterseelenallein nach Hause gehen muss. Kennen Sie dieses Gefühl? 

 

Sehr! Die Ott hat völlig Recht. Weil es auch ein Widerspruch zu dieser Menge ist, vor der du stehst, aber von der du letztlich nichts hast. Andererseits: Was wäre die Alternative? Soll ich mit den 700 Zuschauern später im Gasthaus zusammensitzen? Das wäre albern. Aber seit kurzem gibt es im Theater in der Josefstadt eine Kantine, die Direktor Föttinger – neben anderen Neuerungen – dankenswerterweise eingerichtet hat. Dort sitzen wir Schauspieler jetzt manchmal nach der Vorstellung zusammen. Das ist ein bisschen wie eine Zwischenwelt. Man kommt mit den Kollegen, mit denen man gerade gespielt hat, aus der Welt der Vorstellung und trifft zugleich auf andere Menschen. Das ist ein schöner Zwischenbereich, bildlich gesprochen wie ein Wattenmeer. Man steigt aus den Fluten und ehe man wieder am Trockenen dahintrabt, kann man noch ein bisschen abtropfen.

 

 Auch die größten Theatererfolge, die man gerade auf der Bühne erlebt, sind im Grunde im nächsten Moment verpufft. Hat beim Schreiben Ihres Buches mitunter auch der Wunsch mitgespielt, etwas Bleibendes zu schaffen? 

 

Unbewusst hat das sicher mitgespielt, wobei ich im Prozess des Schreibens nie an eine Veröffentlichung gedacht habe.

 

 Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen auf Ihr Buch reagiert? 

 

Das hat mich am meisten gefreut. Ursprünglich dachte ich, dass ich mehr Kritik bekommen würde, dass Kollegen sagen würden: Wie kannst du so mit unserem Beruf umgehen? Aber das Gegenteil war der Fall. Ich bekomme tolle Reaktionen. Und je älter die Kollegen sind, desto inniger kommt der Dank. Das freut mich, da habe ich offenbar etwas gefunden, das einem Großteil des Berufsstandes aus dem Herzen spricht.

 

 Die Riege der Regisseure kommt meiner Einschätzung nach in Ihrem Buch am schlechtesten weg. Gibt es auch von dieser Seite ein Feedback? 

 

Weniger, aber ich habe auch weniger Umgang mit Regisseuren als mit Schauspielern. Doch waren die Reaktionen, die kamen, ebenfalls gut, wenngleich etwas nüchterner.

 

 Bleiben wir noch beim Thema Regie. Sind die Umgangsformen der Regisseure beim Erarbeiten eines Stückes tatsächlich so rigide, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben? Welches Mitspracherecht hat man als Schauspieler? 

 

Das ist sehr unterschiedlich und kommt ganz auf den Regisseur an. Ich persönlich habe jetzt eine sehr schöne Spielzeit, was die Regie betrifft. Der Fortschritt zu früheren Zeiten besteht darin, dass Schauspieler heute zumindest Vorschläge machen dürfen. Früher hatte ausschließlich der Regisseur das Sagen. Aber letztlich muss es einfach einen Menschen geben, der im Publikumsraum sitzt, die Wirkung des Spiels betrachtet und dann festlegt, wie eine Szene stattfinden soll.

 

 Demokratie funktioniert am Theater also nicht. 

 

Nein. Dabei könnte Theater auch eine Schule für das Leben sein, insofern es ein Vergrößerungsglas des Moments ist. Wir nehmen am Theater Situationen unter die Lupe und schauen so genau wie möglich hin: Was steht hinter dieser Situation? Wie deutlich kann man sie noch ausleuchten? Der Probenprozess ist sozusagen ein Zeitverlangsamungsprozess. Wir halten den Film des Stückes bei einem Bildausschnitt an und gehen dann in die Tiefe. Mitunter beschäftigen wir uns tagelang mit einer einzigen Szene.

 

 Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb eine kleine Gruppe von Musikern ohne einen Dirigent auskommt und hochklassiges Kunstschaffen zustande bringt, dergleichen am Theater aber offensichtlich nicht funktioniert? Weshalb brauchen Schauspieler auch in Ein- oder Zweipersonenstücken immer einen Regisseur? 

 

Es ist ein Rätsel. Meine Frau, Maria Fedotova, ist Flötistin. Und je länger wir über unsere Berufe reden, desto mehr Unterschiede treten zutage. Oberflächlich betrachtet sind Musik und Schauspielerei einander sehr ähnlich. Es sind reproduzierende Künste, man tritt vor Publikum auf – und dennoch gelten andere Gesetze. Mein Eindruck ist: Theater ist das, wo es anfängt kompliziert zu werden. Im Theater muss man sich über die einfachsten Situationen genauestens unterhalten, weil man nichts dem Zufall überlassen darf, weil es sonst sicher schiefgeht. Man muss alles hinterfragen. Das geht manchmal Nicht-Schauspielern auf die Nerven, weil wir diese penible Hinterfragung von Situationen in unser Privatleben mitnehmen.

 

 Es scheint, dass Unruhe im Publikum die Schauspieler mehr nervt, als man denkt. 

 

Auf der Bühne hört man ja alles. Wenn jemand am dritten Rang Schnupfen hat, nehme ich das wahr. Ich glaube, jeder Schauspieler hat Lust, irgendwann das zu machen, was Stefan Kowalsky in meinem Buch macht: Eine Vorstellung abzubrechen, weil man das Husten im Zuschauerraum einfach nicht mehr erträgt. Andererseits spürt man natürlich auch, wenn an einem Abend ganz besonders große Aufmerksam herrscht. Das sind dann wunderbare Momente.

 

 Der Protagonist Ihres Buches erfährt auf Grund seiner totalen Hingabe für den Schauspielberuf soziale Vereinsamung. Er fühlt sich in seinen Kulissen mehr zu Hause als in seinem Privatleben. Wie schaffen Sie die Balance zwischen Beruf und Privatleben? 

 

Was ich über Kowalsky schreibe, kenne ich natürlich sehr gut, weil ich selber schon sehr weit in diesen Prozess involviert war. Ich habe mich vollkommen ins Theater eingeigelt.

 

 Wann war diese Phase? 

 

Das hat schon in Hamburg begonnen ( 1994 bis 1998, Anm. ) und spannte sich in verstärkter Form über meine ersten fünf, sechs Jahre hier in Wien hin – diese Phase endete also erst etwa im Jahr 2006.

 

 Was musste geschehen, dass Sie wieder Ihre Balance fanden? 

 

Ein Weg war, dieses Buch zu schreiben. Der Theaterberuf hat etwas sehr Forderndes. Man muss sich das immer wieder bewusst machen, weil man sonst seiner Umwelt gegenüber unleidlich wird. All dies einmal aufzuschreiben und zu reflektieren, war sicherlich wichtig für mich. Und dann ist der Wirbelwind des Privaten in mein Leben gefahren – und das war natürlich heilsam für alles.

 

 Ist es von Vorteil, dass Ihre Frau ebenfalls Künstlerin ist? 

 

Bestimmt. Allein was das Verständnis für unsere Arbeitszeiten betrifft. In unseren Berufen gibt es kaum ein freies Wochenende. Und der Tag einer Vorstellung steht nun einmal im Zeichen der Vorbereitung darauf. Doch aufgrund der Tatsache, dass ich meine Liebe zum Theater mit diesem Buch einer starken Probe ausgesetzt habe, ist mir nun bewusster denn je, was meine Leidenschaft zu diesem Beruf ausmacht, was ich bewahren will; und andererseits: wie viel Schmutz sich drum herum ablagert, wenn man nicht aufpasst.

 

 Das Wesen des Theaters hat für Sie also keinen Schaden genommen? 

 

Nein, im Gegenteil! Ich gehe jetzt mit bewusster Freude auf die Bühne und weiß klarer, was ich machen will und was nicht.

 

 Können Sie die elementare Freude an Ihrem Beruf benennen? 

 

Ich gehe auf die Bühne und da unten im Publikum sitzen 800 offene Herzen und sagen: Berührt uns! Bringt uns zum Lachen, bringt uns zum Weinen, aber fadisiert uns nicht, verkauft uns nicht für dumm, erzählt uns keine abstrusen Geschichten, die wir nicht glauben, denn wir wissen, wie das Leben ist, wir wollen, dass ihr gescheit und verantwortungsvoll mit uns umgeht. Das ist doch großartig! Da sitzen Erwachsene mit Kinderherzen, Kinderaugen und Kinderseelen, und ich muss meine Brust aufreißen und sie in mein Innerstes schauen lassen. Das sind unglaublich schöne, intime Momente. Das ist ein Funke der Leidenschaft, den ich benennen könnte.


Starparade an der RaxSchnitzler, Nestroy, Ibsen und Flaubert: Mehr als 100 Vorstellungen sind im Sommer geplant.

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Es ist für uns erfüllend, wie sich die Festspiele Reichenau entwickelt haben, betonen die Intendanten Renate und Peter Loidolt unisono. „Großes Schauspielertheater“ erwartet die Besucher an der Rax auch im 26. Bestandsjahr der Festspiele. Mehr als 100 Vorstellungen gibt es in der Zeit von 2. Juli bis 4. August im Theater und im Neuen Spielraum. Dazu kommen noch etliche Sonderveranstaltungen.

Top-Schauspieler

Die erste Premiere (3. Juli) gilt Henrik Ibsens Drama „Stützen der Gesellschaft“, das Alfred Kirchner im Neuen Spielraum (in einer gestrafften Fassung von Nicolaus Hagg) inszenieren wird. Die Hauptrollen spielen Marcello de Nardo, Chris Pichler, Martin Schwab und Therese Affolter. Hagg ist übrigens auch noch in zwei anderen Funktionen in Reichenau vertreten. So hat er Gustave Flauberts „Madame Bovary“ für die Bühne (Premiere im Neuen Spielraum ist am 6. Juli) adaptiert. Regie führt Michael Gampe; die Titelpartie spielt Stefanie Dvorak. An ihrer Seite: Michael Dangl als Liebhaber, André Pohl als Ehemann sowie Peter Matić als fieser Apotheker.

Als Schauspieler und Regisseur in Personalunion ist Hagg bei Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ im Einsatz. Premiere im Theater ist am 5. Juli; es spielen u. a.: Wolfgang Hübsch, Toni Slama, Ulrike Beimpold und Sylvia Lukan. Bereits am 4. Juli hat im Theater Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ Premiere. Hermann Beil inszeniert. Es spielen u. a.: Joseph Lorenz, Julia Stemberger, Miguel Herz-Kestranek und Regina Fritsch. Als junges Paar sind Dominik Roneburger sowie Alina Fritsch, die Tochter von Burgschauspielerin Regina, zu erleben. Alina Fritsch gibt damit ihr österreichisches Theaterdebüt.

Dazu spielt Starpianist Rudolf Buchbinder am 7. Juli ein Recital; am 21. Juli gastieren Angelika Kirchschlager und Oleg Maisenberg am Klavier mit einem Liederabend an der Rax.

Talkshows bestreiten Joseph Lorenz und Wolfgang Hübsch sowie Ulrike Beimpold und Michael Dangl.

www.festspiele-reichenau.com

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ÜBER DEN AUTOR

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Kurier-Freizeit-Rose 3/11 und 9/12 für Michael Dangl

 

Inkultura-online.de

Buchkritik -- Michael Dangl -- Schöne Aussicht Nr. 16

Ein Mann und eine Frau, beide jenseits der Lebensphase, die große Hoffnungen und Pläne hervorruft, treffen in einem Park aufeinander. Er, vordergründig misanthropisch, misstrauisch und wortkarg, ist empört darüber, dass eine Person, Sie, sehnsuchtsvoll, neugierig und mit dem Hang zum Plappern ausgestattet, in seine räumliche Privatheit, eine Bank im Park, hineinbricht.

Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, beginnen sich langsam zu umkreisen und zu erforschen. Erst widerwillig, dann, aus taktischen Gründen mit gespielter Aufmerksamkeit, bekundet Er zögerliches Interesse an den Äußerungen der Frau, immer in der Hoffnung, sich dadurch einer lästigen Bekanntschaft entledigen zu können.

Sie, auf der Suche nach Kommunikation und einem neuen Lebenspartner, benutzt die exponierte Lage der Parkbank dazu, ihre Verabredungen im Voraus genauer in Augenschein zu nehmen. Im einem gegenüberliegenden, nicht weit entfernten Cafè, wird sie sich des Öfteren mit ihren Briefkontakten treffen. Bei diesen Erstkontakten wird Sie, die den Menschen eigentlich vorurteilsfrei begegnet, immer wieder enttäuscht. Da sucht ein Briefkontakt eher eine neue Mutter, ein anderer eine Gärtnerin oder ein weiterer eine sexuelle Gespielin.

Er, der an Schopenhauerscher Philosophie geschulte, oder soll man nicht treffender sagen, mit Schopenhauerscher Misanthropie infizierte, betrachtet die gescheiterten Kontaktaufnahmen seines weiblichen Widerparts mit zynischem Amüsement und verdrängt damit doch nur seine eigene Einsamkeit. Erst spät, zu spät, gelingt es ihm, sich der Frau gegenüber ansatzweise zu öffnen. Das, was hätte eine Beziehung werden können, scheitert an Beziehungsangst und pseudophilosophischer Verstiegenheit.

"Schöne Aussicht Nr. 16" von Michael Dangl, ist nur vordergründig ein Roman über das Scheitern von Kommunikation. Im Wesentlichen jedoch ist es großartige Prosa über das, was übrig bleibt, wenn sich ein Individuum gefangen weiß in den Stricken der Vergangenheit. Die Protagonisten dieses Zwei-Personen-Stücks haben, jeder für sich, Verluste und Enttäuschungen erlebt, die sie hinter sich zu lassen geglaubt haben, die jedoch nichtsdestoweniger ihr Leben bestimmen. Zwei Charaktere, Er, klassisch männlich, verschlossen und reserviert, und Sie, typisch weiblich, gesprächsbereit und kommunikativ, treffen aufeinander. Er und Sie, beide sind festgefahren in ihren jeweils eigenen Rollen.

"Schöne Aussicht Nr. 16" - nebenbei bemerkt, die Frankfurter Adresse Arthur Schopenhauers - ist ein melancholisches Buch über die Veränderungen einer Welt, die nicht immer einen Fortschritt bedeuten. Der Autor seziert mit pointierten Sätzen das Fragwürdige, das Merkwürdige, kurz den Wahnsinn dessen, was uns als Erfolg der Globalisierung verkauft werden soll. Er und Sie, erst spät werden daraus Herr Kleberger und Frau Elisabeth Leitgeb, leben in einer Welt, die sich mit dramatischer Geschwindigkeit verändert. Beide versuchen darauf eine Antwort zu finden. Herr Kleberger zieht sich in die Schopenhauersche Welt der Menschenflucht und Misanthropie zurück. Frau Leitgeb versucht verzweifelt, einen neuen Partner zu finden. Es ist eine einsame Welt, in der die beiden leben.

Michael Dangl hat mit "Schöne Aussicht Nr. 16" einen tief berührenden Roman über die Phase des Lebens geschrieben, in dem das Individuum schmerzhaft spürt, dass die noch zur Verfügung stehenden Möglichkeiten beschränkt sind, dass die Zukunft, dass das, was noch übrig bleibt, keine große Auswahl mehr bietet und anscheinend auch keine Überraschung mehr bereithält. Man kann, wie Herr Kleberger, sich daraufhin ins Schneckenhaus der zur Schau gestellten Enttäuschung zurückziehen, oder, wie Frau Leitgeb es versucht, die Vergangenheit mit einem neuen Partner wieder zurückzugewinnen. Beide Ansätze scheinen nicht von Erfolg gekrönt zu sein.

Das, was übrig bleibt, Michael Dangl erzählt es mit einzigartig empathischem Vermögen, ist Einsamkeit und, in diesem Fall, eine verwaiste Parkbank. "Schöne Aussicht Nr. 16" ist ein literarisches Juwel. Doch Vorsicht! Es dürfte für manche Leser sicher kein Roman für lange und einsame Novemberabende sein.

 KURIER-FREIZEITROSE für Michael Dangl 10/2012:

Einen Oscarpreisträger blass aussehen zu lassen, zumindest ihm in nichts nachzustehen, ist ein Kunststück. Michael Dangl schafft es in den Wiener Kammerspielen in mehrfacher Hinsicht. Er spielt in "The King's Speech" den stotternden Prinzen Bertie, später Britanniens King George VI., den im Kino der dafür mit dem Goldjungen ausgezeichnete Colin Firth gab. Eine Glanzleistung. Weil Dangl die bezwingende Charakterstudie eines Menschen gelingt, der mit Würde das durch die Bürde seiner Herkunft hervorgerufene Handicap trägt. Wie leicht könnte man sich da in die Karikatur ka-ka-kalauern. Doch Dangl widersteht der Versuchung. Er balanciert elegant auf dem schmalen Grat zwischen dem trockenen Humor der Textvorlage und der Verzweiflung, dem Zorn der von ihm verkörpeten Figur. Wenn er schreit "Ich habe eine Stimme. Ich will gehört werden" kommt Gänsehaut auf. Zu Recht gab's dafür Standing Ovations.

Michaela Mottinger, KURIER, 29.9.2012

Michael Dangl  Seit Jahren ist der Schauspieler eine der absoluten Stützen im Ensemble des Theaters in der Josefstadt, wo er für seine unglaubliche Vielseitigkeit bekannt ist. Genau diese Vielseitigkeit kann Michael Dangl nun auch wieder in den Wiener Kammerspielen unter Beweis stellen. In dem Stück „JUDY-SOMEWHERE OVER THE RAINBOW“ gibt er an der Seite der schlicht großartigen Ruth Brauer-Kvam alle relevanten Männer im Leben der Judy Garland. Dangl macht das mit einer hinreißenden Perfektion, zeichnet jeden einzelnen Charakter minutiös nach. Dangl erweist sich hier zudem als exzellenter Pianist, der alle Garland-Songs ideal begleitet. Und so ganz nebenbei hat der Schauspieler auch noch ein sehr lesenswertes Buch geschrieben: in „Rampenflucht“ (erschienen im Braumüleer-Verlag) huldigt er dem Theater, seinen Protagonisten, der Kunst an sich und betätigt sich als virtuoser Geschichtenerzähler. Michael Dangl hat eben mehr als ein Talent. Kompliment. Peter Jarolin, KURIER, 2010

Die Freizeit verleiht für das aussergewöhnlichste kulturelle Erlebnis jede Woche einen Rosenstrauss von ihren österreichischen Floristen und Wiener Gärtnern 

6. Literaturwettbewerb Wartholz: mit neuer Jury

18.01.2013 - 10:59

Nach dem kleinen Jubiläum im Vorjahr geht der 6. Literaturwettbewerb Wartholz heuer mit einer neuen Jury über die Bühne - auch "um neuen Schwung reinzubringen", wie Norbert Mang von der Schlossgärtnerei Wartholz in Reichenau an der Rax am Donnerstag in Wien sagte.

Die Journalisten Klaus Nüchtern ("Falter") und Stefan Gmünder ("Der Standard") sowie die Autorinnen Ina Hartwig und Ruth Beckermann wählten für das Wettlesen von 22. bis 24. Februar zwölf Teilnehmer aus. Insgesamt wurden heuer 689 Beiträge eingereicht.

Die Wahl fiel auf die Österreicher Michael Dangl, Harald Darer, Andrea Grill, Karin Peschka, Hadmar Wieser, Ursula Wiegele und Erika Wimmer sowie Volker Harry Altwasser, Christina Leicht, Julia Sandforth und Florian Wacker aus Deutschland und den Schweizer Andreas Neeser. Die Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreises sowie des mit 2.000 Euro dotierten Publikumspreises wird Kulturministerin Claudia Schmied vornehmen, die auch in diesem Jahr zwei Aufenthaltsstipendien in Reichenau vergeben wird. Zusätzlich winkt ein Newcomerpreis mit einer Veröffentlichung im Braumüller Verlag.

Nüchtern, mit dem erstmals auch ein ehemaliges Mitglied der Bachmannpreis-Jury in Wartholz dabei ist, verwies beim Pressegespräch auf die "Dynamik bei Jurys, die öffentlich argumentieren", wodurch man auch eine andere Perspektive bekomme und entsprechend nicht nur "Ich bin begeistert" als Begründung angeben könne. Den Einfluss des Vortrags auf die Entscheidung selbst hält er für "überschätzt", stelle sich doch gleichzeitig die Frage, "ob die mündliche Realisierung Teil des Textes ist". Eine bei einer vierköpfigen Jury mögliche Stimmengleichheit würde er mittels "10-Kilometerlauf" entscheiden, wie er verschmitzt anmerkte. Laut Mang sei theoretisch aber auch eine Teilung des Preises denkbar.

Für die Organisatoren Michaela und Christian Blazek zeigt die Anzahl der Einreichungen, "dass der Wettbewerb international anerkannt ist", wie sie in den Presseunterlagen zitiert werden. Die Texte werden wie auch bisher in Buchform publiziert, neu ist heuer eine Kooperation mit dem Wiener Institut für Vergleichende Literaturwissenschaften, bei der Studenten eigene literarische Arbeiten vorstellen werden. Die Preisverleihung am Sonntag wird von Günter Kaindlstorfer moderiert. Preisträger der Vorjahre waren Barbara Zeman, Regina Dürig, Christian Steinbacher, Michael Stavaric und Andrea Winkler.

INFO: www.schloss-wartholz.at

Verschiedenstes

Buchneuerscheinung

Bestürzender Blick hinter die Kulissen - von Andrea Schurian, DER STANDARD

03. Jänner 2011, 17:14

Michael Dangls "Rampenflucht": Radikales Pamphlet über die Schauspielkunst

Wien - "Aber wie kann ich beides zugleich bleiben: Schauspieler und Mensch?" Manchmal, ja manchmal, würde man das Buch am liebsten sofort zuklappen, weil man sich die schöne, heile Theaterwelt allzu gern bewahren würde. Geht aber nicht. Man entkommt dem Sog der Worte, diesem Lamento, nicht. Mitgehangen mitgefangen sozusagen. Und nichts bleibt mehr so, wie es war, nicht fürs Publikum; nicht für die, die für uns spielen.

Stefan Kowalsky, Alter Ego des Schauspielers Michael Dangl, ist am Ende seiner Kräfte, seiner Leidensfähigkeit, seiner Spiellust. Als Ausweg bleibt ihm, wie schon der Titel des Romans verrät, nur mehr die Rampenflucht.

In einem inneren Monolog, einer Suada fast Bernhard'schen Ausmaßes reflektiert Dangl alias Kowalsky das Schauspielerdasein, geheuchelte Gefühle, erlogene Leidenschaften, wahre Hingabe, Konkurrenzängste, Erniedrigungen, diesen unglaublichen, gleichermaßen wunderbaren wie schrecklichen Kosmos namens Theater.

Dangl nimmt die Leser mit ins Theaterinnerste, zu den Proben, er lässt sie teilhaben an den Premierenängsten, stellt ihnen Regisseure vor, deren Erlebniswelt sich vornehmlich auf Flughäfen abspielt. Und den Schauspieler, der seinen Körper mit Prellungen, Blutergüssen, Schnitt- und Schürfwunden schindet: "(Er) trägt blutige Nasen nach Hause und erschütterte Gehirne und probiert und spielt mit Husten, Fieber, Heiserkeit und eingerissenen Zwerchfellen, gebrochenen Rippen."

Dieses Pamphlet ist kein erbauliches Vorspielen falscher Tatsachen; kein flockiges Schönsprechen von Theaterillusionen. Wer so schreibt wie Michael Dangl, so verletzt und verletzlich und verletzend, so schonungslos und sehnsüchtig, so atemberaubend radikal und wahnwitzig offenherzig, der ist entweder dem Theater längst entkommen. Oder ihm hoffnungslos und auf immer verfallen.

Bei Michael Dangl, der seit seinem vierten Lebensjahr auf der Bühne steht, sollte man definitiv Zweiteres vermuten: "Theater, im Glücksfall, ist ein reinerer Ort als die Welt. Und ich sah Aufführungen, nach denen ich Stunden durch die Stadt gelaufen bin in solcher Aufgewühltheit, als gäbe es kein Morgen. Für diese Stunden leben wir, bis in alle Ewigkeit werden wir, werden unseresgleichen um zehn Uhr auf die Bühne gehen und wieder anfangen. Immer am Anfang (...) heben wir den Stein wieder auf, den aufwärts zu wälzen uns gegeben ist." (asch, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Jänner 2011)

 

Fünf Jahre Mozarthaus Vienna: Erfolgreiche Festwoche JANUAR 2011

Utl.: 4.500 BesucherInnen während der gesamten Jubiläumswoche Ausstellung "Mozart und die Frauen" verlängert =


   Wien (OTS) - Rund 4.500 BesucherInnen haben die Veranstaltungen
zum 5. Jahresfest des Mozarthauses Vienna besucht. Die
Veranstaltungen sind eine ganze Woche lang vom 22. bis 30. Jänner
gelaufen. Höhepunkt war das Open House am vergangenen Sonntag. 1.600
Besucherinnen und Besucher stürmten das Museum an diesem "Tag der
offenen Tür", bei dem Kinderaktionen, Spezialführungen und das
Gastspiel des Marionettentheaters Schönbrunn geboten wurden. Der
Abschlussabend mit dem Josefstadt-Schauspieler Michael Dangl und
Maria Fedotova, die ein "Casanova"-Programm boten, stieß ebenfalls
auf begeistertes Publikumsecho.
Hervorragend besucht waren auch die anderen Programmpunkte während
der Woche. "Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass mehr als 900
Schülerinnen und Schüler unsere Angebote wochentags an den
Vormittagen nützten. Es waren alle angebotenen Führungen innerhalb
weniger Tage ausgebucht", zeigt sich Mozarthaus Vienna-Direktor
Gerhard Vitek erfreut. Das Programm reichte von Konzerten mit Paul
Gulda über ein Gesprächskonzert mit Heribert Sasse, Luca Pisaroni,
Tibor Kovac und Madoka Inui zum Thema "Figaro" bis zu einem
Kammermusikabend mit dem Jess Trio-Wien und wurde ergänzt durch
Lesungen, Seniorennachmittage, Mozartkugel-Zubereiten, Präsentationen
der Flötenuhr in der Mozartwohnung und anderes mehr.
Zwtl.: Ausstellung "Mozart und die Frauen" läuft noch bis 1. Mai

 

Peter Jarolin, „Kurier“ vom 10. 7. 2006:

In Reichenau ist heuer die große Tragödie daheim. Und das wirklich große Welttheater.

Denn mit Stefan Slupetzkys kluger Dramatisierung von Zweigs Romanfragment ist den Festspielen wieder ein echter Coup gelungen. Ein Theaterabend, der unter die Haut geht, der neben fein gezeichneten Psycho-Studien auch sozial- und gesellschaftskritische Dimensionen anzubieten hat. Es führt kein Weg mehr zurück in das erbärmlich biedere Postamt in Klein Reifling nahe bei Krems, wo Postfräulein Christine ihr Leben vergeudet hat. Ein einziges Mal hat auch sie eine andere Welt gesehen. Das Leben der bornierten, oft auch aus Kriegsgewinnlern bestehenden Upper-Class im Luxushotel in den Schweizer Alpen, wo der Champagner in Strömen floss, wo Geld nur bedrucktes Papier war, wo das Mädchen dank ihrer reich verheirateten Tante (köstlich: Sylvia Lukan, brillant: Toni Böhm als kauziger Gatte) als Christiane van Boolen für kurze Zeit glücklich war.

Doch auf den von Zweig und Slupetzky beschworenen Rausch der Verwandlungfolgt die Katerstimmung der tristen Zwischenkriegszeit, der sozialen und finanziellen Not. Seinem Schicksal kann man nicht entrinnen. Nicht im Leben und schon gar nicht auf der Bühne, auf der Ausstatter Peter Loidolt mit leicht verschiebbaren Zwischenwänden für stimmige Tableaus sorgt.

Gnadenlos, extrem präzise und in großer atmosphärischer Dichte führt auch Regisseurin Beverly Blankenship (stark die Musik von Peter Kaizar) ihre Heldin ins Verderben. Ihre Helfer sind dabei zwei von Slupetzky eingeführte, so genannte Schicksalsfiguren (gut: Alexander Lhotzky und Hannes Gastinger), die als Erzähler fungieren und auch die dramatischen Weichen stellen.

Ein ideales Ambiente für die grandiose Regina Fritsch, die als Christine alle Facetten dieser lebenshungrigen Frau - Christines letzter Ausweg liegt in Diebstahl oder Selbstmord - sichtbar macht. Ihr Partner im Untergang ist der famose Michael Dangl als arbeitsloser Kriegsheimkehrer Ferdinand. Die Inkarnation eines schuldlos Gescheiterten, ja vielleicht eines künftigen Revolutionärs.

Auch die große Marianne Nentwich, der rührende Sascha Oskar Weis sowie Christoph Zadra, Tamara Metelka (beide stark) und Jürgen Wilke sorgen für ein Theaterfest.

 

Daniela Strigl, „Der Standard“ vom 11. 7. 2006:

(...) Dass Beverly Blankenships Inszenierung von Stefan Zweigs Rausch der Verwandlung ein anderes Kaliber hat, klärt gleich die erste Szene: Man hört Fliegengesumm, da steht ein Schreibtisch, da amtiert die Postassistentin Christine Hoflehner im Postamt von Klein-Reifling, wo ein Bleistift eine Woche dauert und ein Beamtenleben halt ein Leben, flankiert von zwei geisterhaft unsichtbaren Erzählern oder Schicksalsboten (Alexander Lhotzky, Hannes Gastinger).

Stefan Slupetzky hat den um 1930 entstandenen Roman aus Zweigs Nachlass konzis dramatisiert, die maßvoll ironische Regie entschärft alles Betuliche und Schwärmerische. Wie bei Lulu geht es auch hier ums Geld, um den gesellschaftlichen Aufstieg durch Erfolg am Heiratsmarkt. Christine, die als Gast ihrer reichen Tante im Schweizer Kurhotel die Luft der großen Welt atmen darf, ist nah dran. Als man jedoch ihre Herkunft enttarnt, sinkt ihr Marktwert rapid, das grandiose Alpenpanorama (Bühne: Peter Loidolt) verengt sich wieder zur Amtsstube (...)

Der leichte Tempoverlust im letzten Akt wird durch ein prächtiges Ensemble wettgemacht: Regina Fritsch als das unzufriedene Aschenputtel, Michael Dangl als ihr krimineller Erwecker, außerdem Marianne Nentwich, Sylvia Lukan und Toni Böhm. Man staunt: der als altmodisch verrufene Stefan Zweig liefert das aufregendere Theater.

 

Lona Chernel, „Wiener Zeitung“ vom 10. 7. 2006

Im Auftrag der Festspiele Reichenau schuf Stefan Slupetzky eine Bühnenfassung von Stefan Zweigs mit Unterbrechungen über mehrere Jahre entstandenem Roman Rausch der Verwandlung. Den Titel gab diesem übrigens nicht Zweig selbst, sondern der Herausgeber Knut Beck. Slupetzky fügte zwei Figuren ein, Konrad (Alexander Lhotzky) und Alois (Hannes Gastinger), die – einem griechischen Chor gleich – das Schicksal vertreten, erzählen und kommentieren. So schwankt das Ganze ein wenig zwischen Aischylos und Horváth, wobei letzterer in Beverly Blankenships an sich sehr spannender Inszenierung, besonders im zweiten Teil, unübersehbar grüßen lässt.

Das Ereignis des Abends ist Regina Fritsch, die einen vom ersten Augenblick an in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt. Hervorragend neben ihr Michael Dangl als revoltierender Kriegsgeschädigter. Wunderbar Marianne Nentwich und Jürgen Wilke, Sylvia Lukan, Toni Böhm und Sascha Oskar Weis. Die Bühnenbildlösung von Peter Loidolt signalisiert raffiniert, wie man Menschen den Blick und den Zugang zu dem, was ihnen an Glück zusteht, verbauen kann.

Spannend, erschütternd.

 

Rezension vom 02.09.2010 (11)

Michael Dangl: "Rampenflucht"

Ein Nachspiel

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Eine Hassliebe

"Meine Damen und Herren, es tut mir leid, dass wir Sie langweilen ... es tut mir leid, dass wir ... dass Sie Ihr dummes Abonnement gerade heute zwingt, hier zu sitzen ... Ich wollte eine Bühne immer nur betreten ... um (Pause, gehaltener Atem des Publikums) ... aber so geht es nicht ... darum werde ich jetzt gehen ... auf Wiedersehen."

Mit diesen Worten, während einer unruhigen Vorstellung an das überraschte Publikum gerichtet, tritt Stefan Kowalsky von der Bühne. Er fährt heim, löst seine Versicherungsverträge, seinen Mietvertrag, seinen Mobiltelefonvertrag und die Mitgliedschaft im Fitnessclub auf. Er zieht sich in sich zurück und schreibt, quasi als vorläufig letzte theaterbezogene Handlung, einen in Auftrag gegebenen Text über das Theater. Einen Text, der Ausdruck seiner persönlichen Hassliebe zum Theater ist.

Davon ausgehend, entwickelt Michael Dangl einen herrlich bissigen, schimpfend parlierenden Monolog, einen Gedankenstrom, dem man gerne bis in die Eingeweide des Theaters, des Theaterlebens folgt.

"Stadtrandlokal, früher Nachmittag, Kowalsky hat auf einmal viel Zeit. Die letzten zwei Monate war er immer schon mindestens zwei Stunden vor Probenbeginn im Theater gewesen, weil er sich für den Othello schwarz schminken wollte. Er hätte dazu einen Maskenbildner haben können, verzichtete aber auf dessen verständnisloses unausgeschlafenes Gesicht und blieb lieber allein. Die extremen Masken hatte sich Kowalsky immer selbst verpasst ... Einmal, er hatte sich zweieinhalb Morgenstunden besonders sorgfältig geschminkt, saß er um zehn allein da. Er hatte das Telefon nicht gehört und so nicht erfahren, dass die Probe schon seit acht abgesagt war, weil der Regisseur krank im Bett lag. Kowalsky saß allein auf der leeren kalten Probebühne, angezogen und angemalt und muskelbepackt als Mohr von Venedig, aß langsam eine Banane, sah sich beim Kauen im Spiegel zu, warf die Schale weg und schminkte sich wieder ab. Seltsames Geschäft, dachte er."

Michael Dangls Stefan Kowalsky ist ein leidenschaftlich dem Theater verfallener Künstler, der aus Enttäuschung über das Rundherum, das Publikum, die Mitschauspieler und die Regisseure das Theater verlässt. Sein Drang nach Perfektion sowie seine akribische Vorbereitung scheinen im Geschäft unerwünscht, ja altmodisch zu sein.

Michael Dangls Prosadebüt lebt vom Wechsel zwischen dem Sein von Stefan Kowalsky und dem von Stefan Kowalsky verfassten Text, der sich fast wie ein Roman im Roman liest und mindestens gefühlte zwei Drittel des "Nachspiels" ausmacht.

Wütend kreisend, variierend und immer wieder abschweifend, bewegt sich Stefan Kowalskys Text vorwärts, berührt die wunden und die heilen Punkte, öffnet dem unwissenden Leser Türen und bestätigt die Wissenden.

"Ich bin nicht eitel", sagt der Schauspieler, "ich kann mein mir zufällig unterkommendes Spiegelbild gar nicht ertragen!" - Ja, aber nicht aus Uneitelkeit, sondern weil es seinem eigenen Bild, das er von sich selbst gemacht hat, und das er, es produzieren wollend, ununterbrochen mit sich herumträgt, nicht gleichkommen kann. Der Schauspieler blickt in einen beiläufig ihm begegnenden Spiegel skeptisch und doch irgendwie hoffnungsvoll, und angewidert schnell wieder weg, Letzteres zu Recht. Doch sein eigenes Bild hat er sich wiederum nicht aus Eitelkeit gemacht, sondern aus einem Gefühl der Leere, der Gesichtslosigkeit. Tatsächlich hat der Schauspieler, der jüngere vor allem, lange Phasen zwischen seinen Rollen, kein Gesicht. Weil er nicht weiß, wie er aussehen soll, sieht er nicht aus. Der ältere hat schon so viele Rollenabdrücke auf seinem Gesicht, dass sie irgendwann selbst wie ein Gesicht aussehen, aber bei näherem Hinsehen sieht man: Es ist gar kein Gesicht, nur viele, viele Momentaufnahmen zusammengenommen, Zehntausende Belichtungen auf einem von Zehntausenden Blitzen wie erschrockenen, zu einem Scheingesicht geronnenen, verhärteten Stück Schädelvorhang ..."

Während Stefan Kowalsky auf eine Lesereise geht, schreibt er in Hotelzimmern weiter an seinem Text, der, immer dichter werdend, das Theater wie eine Zitrone ausquetscht, bis der Protagonist am Ende in Venedig doch noch das Glück seiner Lebensrolle, seines Lebens entdeckt bzw. wiederentdeckt.

Ein beeindruckend sicheres und überzeugendes Debüt, ein starker und eindringlicher Text.

Ein Gespräch mit Michael Dangl gibt es unter folgendem Link
www.sandammeer.at/portraits/dangl.htm

(Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 09/2010)

Radio aktuell

Fortsetzung eines Liebesdialogs

Eva Herzig spricht die Rolle der E-Mails schreibenden Emmi. Foto: apa/Robert Jäger

Von Anton Silhan

Die "Hörspiel-Galerie" auf Ö1 bringt Daniel Glattauers Fortsetzung seines Bestsellers "Gut gegen Nordwind" am Samstag als Hörstück.

Der Wiener Journalist Daniel Glattauer hat den Roman "Gut gegen Nordwind" geschrieben und damit rasch Erfolg gehabt. Die per E-Mail geführten Liebesdialoge haben Alt und Jung begeistert. Ein Bestseller war geboren. Auch am Theater wurde die Story zum Erfolgsstück. In Wien an den Kammerspielen, wo Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill die heillos E-Mail-Verliebten eindrucksvoll darstellten und nun auch in der Fortsetzung darstellen.

Die beiden Protagonisten sind sich im Buch – und auch im Stück natürlich – nicht begegnet. Sie machen ein Jahr E-Mail-Pause. Danach setzt sich die Gechichte in Glattauers jüngstem Buch "Alle sieben Wellen" fort. Ob sie sich kriegen, die beiden, oder wenigstens einmal treffen? Auch die Bearbeitung der Fortsetzung fürs Theater ließ nicht lang auf sich warten. In den Wiener Kammerspielen hatte das Stück kürzlich Premiere. Und ist wieder ein Erfolg. Karten sind nur schwer zu kriegen.

Das verliebte Paar Emmi und Leo

Ein Erfolg im deutschen Sprachraum war "Gut gegen Nordwind" auch in seiner Hörspielfassung. Nun wartet die Fortsetzung der Liebesgeschichte, "Auf sieben Wellen" eben, auf die Radio-
hörer, am Samstag auf Ö1 in der "Hörspiel-Galerie".

Im Hörfunk – übrigens eine Koproduktion von ORF und Nordeutschem Rundfunk (NDR) – spielen Eva Herzig und Michael Dangl das verliebte Paar Emmi und Leo, das scheinbar zueinander nicht kommen konnte.

Sie haben sich also nicht gekriegt. Zumindest nicht im ersten Teil. Leo Leike war für ein Jahr nach Boston gezogen, und Emmi Rothner blieb, vor ihrem Computer sitzend, in Wien. Die Fingernägel waren bald zerbissen, die Taschentücher nassgeweint.

Im deutschen Wochenmagazin "Der Spiegel" war beim Erscheinen von Daniel Glattauers Roman "Gut gegen Nordwind", also des ersten Teils, von einem "... der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur" zu lesen. Damals war allerdings noch nicht abzusehen, dass der E-Mail-Roman "Gut gegen Nordwind" zum Bestseller wird und in zahlreiche Sprachen übersetzt wird.

Voriges Jahr folgte mit "Alle sieben Wellen" der von vielen heiß ersehnte zweite Teil der virtuellen Liebesgeschichte, die nun in die Hörspielfassung gebracht wurde. Der so jeh beendete Liebesdialog wird wieder aufgenommen und.. . Mehr wird einfach nicht verraten.

In Bearbeitung und Inszenierung von Alice Elstner flöten und streiten sich, wie in der Hörspielfassung des ersten Teils, wieder Eva Herzig als Emmi und Michael Dangl als Leo temporeich und witzig einem bangen Ende entgegen.

Alle sieben Wellen

Von Daniel Glattauer. Bearbeitung,
Regie: Alice Elstner. Mit Eva Herzig und Michael Dangl

Gidon Kremer und die Kremerata Baltica – Weltpremiere im Kronberger Opel-Zoo

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Die Idee wurde Anfang 2010 geboren. Dahinter stand der Wunsch von Gidon Kremer, Klassische Musik für Kinder aufzuführen und gleichsam ein Bekenntnis zu den hier im Taunus, in Kronberg lebenden Menschen abzulegen. Wie sollte die Musik dargeboten werden? Die Musik sollte die Gedanken- und Empfindungswelt der Kinder zum Klingen bringen, und das Ganze sollte erzählend und spielerisch vorgetragen werden – so die Vision. Und es war Gidon Kremer ein Herzensanliegen dieses auch von seiner Stiftung, die nunmehr ihren Sitz von Hamburg nach Kronberg verlegt hatte, mittragen zu lassen. In enger Kooperation zwischen der Gidon Kremer Stiftung, der Kronberg Academy und Julia von Opel wurde das Projekt entwickelt und vorangetrieben. Zudem war es Gidon Kremers Wunsch, auf diese Weise mit seiner Stiftung erstmals an die Öffentlichkeit zu treten.

Klassische Musik eingebunden in eine Märchenhandlung, in der auch viele Tiere und ihre jeweiligen charakteristischen Töne ertönen sollten, repräsentiert durch Auszüge aus verschieden Werken mehrerer Komponisten ( z.B. Paul Hindemith, Camille Saint-Saens,  Johann Sebastina Bach, Nikolai Rimski-Korsakov) – das war der musikalische Kern dieses Konzepts. Gidon Kremers Ensemble – die Kremerata Baltica – war auserkoren, mit einigen Mitgliedern des Ensembles für die musikalische Umsetzung zu sorgen. Schauspieler Michael Dangl sollte den Kindern das Märchen “Die Nachtigall” von Hans Christian Andersen nahe bringen, in dem eine Nachtigall es schafft, dem Kaiser von China Tränen zu entlocken. Bekannte Tierfiguren ( die Nachtigall, Babar der Elefant und Ferdinand der Stier) der Weltliteratur werden musikalisch porträtiert. Das Motto für diese Weltpremiere sollte lauten: Tierharmonische Konzerte” und die Ensemble-Mitglieder der Kremerata Baltica würden auf diese Weise zu  Tierharmonikern.

Die Kooperation erforderte auch das Einverständnis und das Mitwirken des Kronberger Opel-Zoos, denn hier sollten die insgesamt drei Aufführungen stattfinden. Zoo-Direktor Dr. Thomas Kauffels konnte rasch für ein Mitwirken gewonnen werden. Nach einer Phase der Vorbereitung und konzeptionellen Gestaltung des Programms, die den österreichischen Schauspieler und Sprecher Michael Dangl als Sprecher und Erzähler mit einbezog, war denn  auch der Startschuss für diese einmalige Konzertreihe für Juni terminiert. Die Konzept-Idee und das Programm wurden schließlich auf einer Presse-Konferenz im Mai im Kronberger Opel-Zoo der Öffentlichkeit präsentiert.

Zwei öffentliche Konzerte am 19. und 20 Juni sowie ein spezielles Konzert am Sonntagnachmittag für die Freunde und Förderer der Kronberg Academy sorgten für ein einmaliges Ereignis im Opel-Zoo und damit für Kronberg und die Region insgesamt.

Als Zuhörer des sonntäglichen Konzert bekam ich einen guten Eindruck von der engagierten Art des Vortrages durch Michael Dangl. Er versuchte die Kinder immer wieder durch direkte Ansprache und Befragungen in das Geschehen mit einzubinden. Und die Kinder dankten es ihm mit schlagfertigen und lustigen Antworten auf seine Fragen.

Ein wahrhaft interaktiver Auftritt zwischen den Musikern, dem agilen Erzähler Michael Dangl und den etwa 40 Kindern, die sichtlich angetan waren von diesem abwechslungsreichen Konzertereignis, bei dem Wind und Wetter für versöhnliche Temperaturen im Innenraum des große Zeltbaus sorgten.

Der Hessische Rundfunk war ebenfalls präsent und nahm die Konzerte für sein Rundfunk-Programm auf. 20 Mikrofone wurden sorgfältig auf der Bühne und in der Kissenlandschaft vor der Bühne aufgestellt, um optimal Sprecher, Musiker und Kinder einzufangen. Man darf sich freuen, diese Konzerte bald im Radio hören zu können. Und so mancher Musikfreund, ob jung oder alt, der andere Ereigisse am vergangenen Wochenende rund um Kronberg besucht hatte, bekommt so nachträglich die Gelegengeit, diese Weltpremiere mit einer kleinen Verspätung doch noch zu erleben.

Michael Heinz

Alle sieben Wellen von Daniel Glattauer – bis zum 23. Juni streambar

by hoerspielchen on 16. Juni 2010

Wer das Hörspiel “Gut gegen Nordwind” von Alice Elstner nach dem Buch von Daniel Glattauer gemocht hat, muss eigentlich auch dieses Hörspiel hören. Allen anderen, welche die Geschichte um Emmi und Leo schon irgendwoher kennen, kann ich das diese Inszenierung auch nur uneingeschränkt ans Herz legen. Die Hörspielbearbeitung ist eben nochmal ein ganzes Stück anders, m.E. besser als die Hörbücher. Da kommt hinzu, dass mir Michael Dangl und Eva Herzig (s. Foto) als Hauptakteure besser gefielen, wie auch die Pausen durch Musik. Und irgendwie schreit auch dieses Buch danach, als Hörspiel vertont zu werden. Einfach eine schöne Idee mit tollem Inhalt.

http://ndrkultur.de/feuilleton/hoerspiele/hoerspielallesiebenwellen100.html

Das Hörspiel ist die Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte: der von Emmi Rothner und Leo Leike aus dem Erfolgsroman “Gut gegen Nordwind”. Zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, verlieben sich per E-Mail rettungslos ineinander. Die Geschichte von Emmi und Leo und ihrer unerfüllten Liebe geht nun in die zweite Runde. Vielleicht haben die Liebenden ja zumindest eine einzige wirkliche Begegnung verdient und die Hörer eine Chance auf ein anderes Ende? In der radiophonen Fortsetzung des Bestsellers von Daniel Glattauer erfahren wir von Leos Rückkehr aus Boston, von Emmis Eheproblemen und von der “siebenten Welle”, die immer für Überraschungen gut ist.

Hörspielbearbeitung und Regie: Alice Elstner

Mit Eva Herzig, Michael Dangl u. a.

ORF/NDR 2010 ca. 90 Min.

Daniel Glattauer, 1960 in Wien geboren, ist Schriftsteller und Journalist. Bekannt wurde er durch seine unterhaltsamen Kolumnen, Gerichtsreportagen und Feuilletons für die Tageszeitung “Der Standard”, die auch in Buchform erschienen. Mit seinem 2006 erschienenen Roman “Gut gegen Nordwind” gelang ihm ein Bestseller. Der Roman wurde auch als Hörspiel (ORF 2007), Hörbuch und Theaterstück ein großer Erfolg. 2009 erschien “Alle sieben Wellen”.

 

 

Gabriel Baryllis Erfolgsstück über die Sehnsucht nach Glück und Verlässlichkeit startete 1988 seinen Siegeszug: Es wurde an über 100 Bühnen gespielt und in mehrere Sprachen übersetzt. Dem Stück folgte der Roman, der schnell zum Bestseller wurde und Gabriel Barylli ein breites Publikum sicherte. Bereits ein Jahr später führte er selbst Regie für die dazu adaptierte Filmversion, die ihm 1991 den Bayerischen Filmpreis einbrachte.

Durch die hervorragende Besetzung (Martin Zauner, Michael Dangl und Alfons Haider) werden die Längen des Stückes um den Zusammenhalt einer Männerfreundschaft in Krisenzeiten gekonnt überspielt.

Martin Zauner begeistert als Schuhgeschäftsbesitzer Peter ("Ich bin ein freier Mann!") und spielt überzeugend den Ehemann, der nach seinen zahlreichen Affären nun nach der Untreue der Ehefrau verlassen wird. Er lässt das Publikum an seinem Gefühlsleben teilhaben und bringt seine Enttäuschung auf das Leben und die Liebe so gekonnt auf die Bühne, dass er für die beiden anderen als optimaler Pointengeber fungiert.

Als Schauspieler und Autor Stefan brilliert Michael Dangl. Die Rolle des in einem Kokon der Zurückgezogenheit lebenden Stefan, den er an einem einzigen Theaterabend durchbricht, wird von ihm hervorragend umgesetzt. Verletzlichkeit und Angst vor Veränderungen werden durch typisch männliche Verhaltensweisen verschleiert.

Als dritter im Bunde zeigt Alfons Haider als Architekt Martin den Mut, sich nach einigen Enttäuschungen wieder auf die Liebe einzulassen. Die aufkeimende Verliebtheit und das Wagnis des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau wird von ihm sehr feinfühlig und sensibel dargestellt.

 

 

7. August 2008 13:32;  Akt: 17.08.2008 13:34

"Buddenbrooks" in Bregenz gefeiert

Packend, modern, klug: "Buddenbrooks" in Bregenz gefeiert - ©VMH

Bregenz - Die erste Premiere des Theaters in der Josefstadt bei den Bregenzer Festspielen seit 1983 ist gestern, Samstag, Abend vom Publikum im Theater am Kornmarkt euphorisch gefeiert worden.  0 Kommentare

 

 

Zurecht, wie man hinzufügen muss: "Buddenbrooks", John von Düffels Bühnenversion der berühmten Familienchronik von Thomas Mann, wurde von Josefstadt- Direktor Herbert Föttinger packend, modern und klug in Szene gesetzt. Gabriel Barylli, Sandra Cervik und Joachim Bißmeyer stechen aus einem äußerst spielfreudigen Ensemble hervor, wie sich ab 25. September auch in Wien überprüfen lässt.

Es war wahrlich allein schon eine Meisterleistung, wie von Düffel den umfangreichen Klassiker für die Bühne auf eine etwa dreistündige Fassung verknappt hat. Dass Föttinger von der Inszenierung am Hamburger Thalia Theater vor drei Jahren angetan war, kann man sich nach dem gestrigen Abend lebhaft vorstellen. Gleich von Beginn an zieht einen die feine Dramatisierung in ihren Bann, in der österreichischen Erstaufführung faszinieren das raffinierte Bühnendesign von Rolf Langenfass und die düster- stimmungsvolle Lichtgestaltung von Emmerich Steigberger. Das Auftaktbild zeigt die Buddenbrooks im Familienkreis auf und hinter dem Ledersofa des altehrwürdig angedeuteten Großbürgerhauses. Der Konsul Buddenbrook (Bißmeyer) mit seiner Frau (Else Ludwig), die drei Kinder Thomas (Barylli), Christian (Michael Dangl) und Tony (Cervik) dahinter, alle in Weiß gekleidet, wie auf einem Familienfoto. Als der schmierige Geschäftsmann Grünlich (Siegfried Walther) zu Besuch kommt, wirkt er in seinem dunklen Anzug schnell als Eindringling in dem vermeintlichen Familienidyll. Und so schnell wird die Familie diesen Eindringling auch nicht mehr los, hat dieser doch ein Auge auf Tony geworfen. Wie durch ein Fotoalbum wird der Zuschauer durch die folgenden Szenen geführt, der Rahmen auf der Bühne ermöglicht stets zwei unabhängige Spielflächen, im Vordergrund wird ein altes Mikrofon immer wieder für kurze Erzählsequenzen genutzt. Grünlich wird in gewisser Weise zum auslösenden Moment des Niedergangs der Buddenbrooks: Dem Traditionsunternehmen der Kaufmannsfamilie geht es nicht gut, und der Geschäftsmann wirkt doch eigentlich wie eine ganz ordentliche Partie: "Man kann von einem Schaf ja auch nicht fünf Beine verlangen." Doch die ungewollte Ehe ist zum Scheitern verurteilt und geht vier Jahre später in die Brüche. Deutlich wird nur das System: Die Familie ist eine Kette mit vielen Gliedern, die alle aneinander hängen. Da müssen auch ungeliebte Opfer zum Wohle des gemeinsamen Ganzen erbracht werden. Als der Papa stirbt, übernimmt Thomas den Betrieb, führt ihn als kühler und egoistischer Patriarch kurzfristig zu neuen Höhen, stößt dabei seine Geschwister vor den Kopf. Doch wie Tony und Christian ist auch das neue Oberhaupt ein Zerrissener zwischen Tradition, Macht, Individualität und Familie. Nach der Pause gibt es kein gemeinsames Ledersofa mehr, sondern nur mehr zwei getrennte Lederfauteuils auf jeder Seite der Bühne. Das Motto lautet "Kontenance wahren", eine tickende Uhr deutet im Hintergrund den unerbittlich langsamen, aber stetigen und unaufhaltsamen Verfall der Familie an. Der Ton wird lauter und rauer, die Bilder werden dunkler, die Strukturen zerbrechen. Schließlich ärgert sich Thomas über seinen schwächlichen Sohn, der noch weniger mit der Macht seines Übervaters umgehen kann als er selbst - und muss sich dabei seine eigene Schwäche eingestehen. Die starke Schlussszene kulminierte gestern in tosendem Applaus und lauten Bravo- Rufen, die überragenden Darsteller - allen voran der nahezu entmenschlichte Gabriel Barylli, die wandlungsfähige Sandra Cervik und der überzeugend hypochondrische Michael Dangl - durften sich ebenso wie Föttinger über ein gelungenes Gastspiel in Bregenz freuen. Nach weiteren drei Vorstellungen bei den Festspielen feiern die "Buddenbrooks" am 25. September ihre Wien- Premiere. Und im Dezember gibt es noch eine Möglichkeit zum Eintauchen in die Familienchronik: Heinrich Breloer, der schon "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" verfilmte, bringt "Die Buddenbrooks" mit Armin Mueller- Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz und August Diehl ins Kino. (S E R V I C E - "Buddenbrooks" von John von Düffel nach Thomas Mann; Inszenierung: Herbert Föttinger, Bühnenbild und Kostüme: Rolf Langenfass, Musik: Christian Brandauer, Dramaturgie: Ulrike Zemme, Licht: Emmerich Steigberger

 

 

Ein Fest für Otti

von Thomas Askan Vierich

Wien, 10. Juni 2010. Am Ende regnete es rote Rosen auf den unumstrittenen Star des Abends Otto Schenk, den alle "Otti" nannten. Herbert Föttinger, der Direktor des Theaters in der Josefstadt, erklärte ihn zum "Theatergiganten", der Kulturstadtrat Mailath-Pokorny zum "Bürger der Stadt Wien". Was natürlich ein Scherz war. Der "Theatergigant" wohl eher nicht. Rudolf Buchbinder brachte dem Geburtstagskind ein Ständchen am Piano, "Rigoletto" in der Bearbeitung von Franz Liszt.

Das Publikum spendete "seinem" Otto Schenk stehend Applaus. Schenk spielte in der Josefstadt in fast sechzig Jahren immerhin 69 Rollen. Er hat hier 29 Stücke inszeniert. Neun Jahre war er sogar Direktor. In diesem Moment war die Josefstadt ganz bei sich, feierte ihren Weltstar und sich selbst. Viele der Premierenbesucher dürften nicht viel jünger als das Geburtstagskind gewesen sein.

Immer zu laut, immer mehr Applaus

Was vorher gegeben wurde, war nicht ganz so stimmig - aber dank guter Schauspieler, allen voran Otto Schenk, zumindest unterhaltsam. Ein Schelm, wer mehr von diesem Abend erwartet hatte. Klaus Pohl, der schon seit 2000 mit Otto Schenk zusammenarbeitet, hat dem Meister ein Stück auf den Leib geschrieben: Karl Meier war mal ein berühmter Dirigent mit hohen Qualitätsansprüchen. Als er während einer Aufführung an der Staatsoper mit der Leistung seines Orchesters nicht zufrieden war, ließ er die Aufführung abbrechen und fing noch einmal von vorn an. Ein Skandal, der zu seinem sofortigen Rausschmiss führte.

Seitdem ist der Maestro dem Alkohol verfallen und lebt unter einer Autobahnbrücke, wo er ein imaginäres Orchester dirigiert. "Immer zu laut", murmelt er. "Ich höre ewig Musik, die keiner spielen kann." Etwas Trost findet er an der nahen Würstelbude. Aber der Inhaber will ihm keinen Schnaps mehr verkaufen, nur eine Burenwurst. "A Wurscht is nix gegen an Durst", murrt Schenk. Es macht Spaß dem bekennenden Musikaficionado, der an allen großen Opernhäusern dieser Welt inszeniert hat, als Sandler beim Brambasieren über das Leben und die Musik, speziell die Oper, zuzuhören.

Zündende Bonmots, kleine Lästereien

Dann wird der Tod einer berühmten Sängerin verkündet, der Meier einmal sehr zugetan war und mit der er gemeinsam legendäre Konzerte gegeben hatte. Die Verstorbene hat verfügt, der Maestro möge ihr Abschiedskonzert dirigieren. Ein Impresario (Gideon Singer) wittert das große Geschäft, ebenso die Verlobte (Therese Lohner) des Sohnes der Verstorbenen (Michael Dangl). Nur der ist dagegen. Er ist erfolgloser Komponist und möchte endlich aus dem Schatten seiner Mutter heraustreten und den Abend selbst dirigieren. Man redet es ihm aus und findet den Sandler, der sich zunächst auch weigert wieder den Stab zu schwingen. Doch die schönen Augen der Verlobten überzeugen ihn, und er setzt sich mit dem Sohn zusammen, um ein wenig zu üben.

Das gibt weitere Gelegenheiten für Otto Schenk. über den Musikbetrieb zu lästern: "Die Musikindustrie ist eine Verletzungsmaschine!", tönt er. Das hätte auch von Thomas Bernhard sein können. Der Sohn wirft ihm vor, sich zu drücken: "Er kann es noch und tut es nicht. Das ist eine Schweinerei!" Er selbst würde gerne, kann aber nicht: "In meiner Brust ist ein riesiger Anspruchskasten, der wird immer größer und erstickt mich!" Aber für ein paar angespielte Gassenhauer aus dem Repertoire der sogenannten ernsten Musik reicht es noch. Michael Dangl kann am Klavier beweisen, dass er nicht nur ein prächtiger Schauspieler ist, der es mit dem "Theatergiganten" Schenk locker aufnehmen kann, sondern auch ein versierter Musiker. Was er da spielte, war live!

Aber wo steckt der theatralische Dreh?
So plätschert der Abend musikalisch begleitet vor sich hin. Schenk darf noch weitere Boshaftigkeiten von sich geben wie "Nur Dilettanten haben Spaß bei der Arbeit" oder "Wer übt, hat's nötig". Doch die Aneinanderreihung noch so treffender Bonmots ergibt noch keine Dramatik. Hier liegt der große Schwachpunkt des Abends. Nachdem man den unwilligen Maestro überreden konnte, läuft eigentlich alles glatt dem erwartbaren Ende zu: Meier dirigiert das Abschiedskonzert und alle sind zufrieden. Wer eine Pointe, irgendeinen theatralischen Dreh erwartet hatte, wird enttäuscht. Aber die meisten hatten wohl gar nicht mehr erwartet. Ihnen genügt, wenn Schenk den Papageno mimt. Dazu braucht er nur ein paar angedeutete Handbewegungen und Tanzschritte. Das ist schon großartig. Aber es ist kein Theater, eher Kabarett.

Weniger großartig war die Aneinanderreihung von Klischees zum Geniekult. Die Figur des gefallenen Dirigentenstars bezog deutliche Anleihen bei Beethoven, ohne dass man Otto Schenk in dieser Rolle das Genialische wirklich abnahm. Auch nicht, als er dämonisch von unten beleuchtet so tat, als würde er die Ouvertüre aus "Coriolan" von Beethoven dirigieren. Das war dann noch nicht einmal gutes Kabarett. Aber sei's drum: Wir sind an der Josefstadt, da hängen die künstlerischen Ansprüche nicht ganz so hoch wie anderswo. Unterhaltsam war es allemal und dank Michael Dangl auch keine reine One-Man-Show für Otto Schenk.

 

Einmal noch (UA)
von Klaus Pohl
Regie: Klaus Pohl, Bühnenbild und Kostüme: Rolf Langenfass, Licht: Manfred Grohs.
Mit: Otto Schenk, Michael Dangl, Therese Lohner, Gideon Singer, Peter Moucka, Eva Mayer.

 

 

Oper und Literatur
Kulturgenuss im umgebauten Kuhstall
Erschienen in „Neue Osnabrücker Zeitung“, 18. Juni 2009

Rödinghausen (maka). (…) 400 Besucher waren auf Gut Böckel, um in stimmungsvoller Atmosphäre kulturelle Höhepunkte zu erleben. Die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená singt sonst in den großen Häusern dieser Welt. Sie im restaurierten Kuhstall auf Gut Böckel hautnah erleben zu dürfen war für viele Besucher Grund genug, von weit her anzureisen. (…) Rainer Maria Rilke, der 1917 auf Einladung Hertha Koenigs nach Böckel kam, war Bewunderer Michelangelos und übersetzte dessen Sonette nicht nur, sonder dichtete sie nach. Der österreichische Schauspieler Michael Dangl gab ihnen mit großer Vortragskunst Leben. (…) Ein begeistertes Publikum dankte mit Standig Ovations für die zu Herzen gehende musikalisch-literarische Reise von Russland nach Italien.

 

 

Musikalische Sternstunden
Erschienen in „Westfalen-Blatt“, 13. Juni 2009

Rödinghausen (BZ). Kann es sein, dass mehrere Hundert Menschen gebannt den Sonetten Michelangelos lauschen? Bei "Wege durch das Land" ist alles möglich. Selbst vermeintlich sperrige Texte finden ihr Publikum. Seit zehn Jahren macht das Festival regelmäßig Station auf Gut Böckel in Bieren. (…) Michael Dangl, der österreichische Schauspieler, gab den Sonetten Leben, drang zu ihrem Kern vor, die auch von Michelangelos Arbeitsweise erzählen und von seinem Gottesverständnis. (…) Der melancholische Grundton wird zu einem ruhigen, lyrischen Fluss der Wörter, deren Schönheit sich durch die Stimme Michael Dangls entfaltet. (…) Die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená singt in den großen Häusern dieser Welt. Sie, den großen Star der Opernwelt, im Kuhstall auf Gut Böckel zu erleben, war für viele Besucher Grund genug, von weither zu kommen. Kozenás Timbre ist wirklich atemberaubend, sie macht jedes der italienischen Lieder aus dem 16. Jahrhundert zu einer musikalischen Sternstunde. (…) Ihr Konzert ist ein unvergessliches Erlebnis. Kongenial begleitet wird sie dabei vom internationalen Ensemble "Private Musicke". (…) "Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne" heißt ein Gedichtzyklus der russischen Autorin Anna Achmatowa (1899–1966). Die Schauspielerin Sybille Canonica sprach zunächst über das schicksalhafte Leben der Autorin (…). In der Interpretation der Gedichte ließ Sybille Canonica die Zerrissenheit Achmatowas und ihren lakonischen, oft knappen Stil spürbar werden. (…) auf Gut Böckel ist im Pferdestall ein Kinderprogramm hinzugekommen. Die Eltern gaben ihre Sprößlinge ab, die dort mehrere Stunden lang betreut wurden. (…) Zu Besuch kamen Schauspieler Michael Dangl, der mit den Kindern las und spielte und Geschichten vom lieben Gott erzählte, sowie vier Musiker von "Private Musicke", die den Kindern einige Lieder spielten.

 

deutschlandfunk
 

O-Ton Michael Dangl: ‹Und da sieht man, dass sich da vieles trifft – dass da zwei große Schaffende und Einsame in ihrem Werk sich getroffen haben und dass der Rilke […] eine Nachdichtung und Übersetzung ist eigentlich zu wenig gesagt: Er hat das so neu empfunden und in seinen Worten seiner Sprache gesagt. Und das zu erspüren und den Leuten zu vermitteln im Vortrag – das ist eine schöne Aufgabe›. Den Bezug zu den Liebes-Sonetten Michelangelos wiederum stellt Magdalena Kožená her: Die tschechische Mezzosopranistin hat frühbarocke Liebeslieder aus Italien mitgebracht – singt, seufzt, zürnt und schmachtet in ihnen, dass es eine Lust ist.
Ursula Böhmer
13. Juli 2009

      WDR 3
MOSAIK  

Auch für die Kinder ist gesorgt auf Gut Böckel: Während sich die Erwachsenen in der Pause im früheren Kornhaus am Buffet stärken, liest Michael Dangl im Pferdestall den Kindern vor. Auch hier ist es eine von Rilkes ‹Geschichten vom lieben Gott›, bei der Dangl zur Veranschaulichung einen Fingerhut seiner Mutter herumgehen lässt. Eine gelungene literarische Zusammenstellung, zumal sich Alt und Jung auf dem Nachhauseweg über ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit Rilke austauschen können.
Ursula Böhmer
16. Juni 2009

 

Karl Meier, ehemaliger Stardirigent, hat der Bühne schon seit Jahren den Rücken zugekehrt. Mit einem Paukenschlag hatte er das Podium verlassen, weil die Leistung des Orchesters seinen Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Nun lebt er auf der Straße und ist obendrein auch dem Alkohol verfallen. Als eine berühmte Sängerin stirbt, die unter seiner Leitung traumhafte Aufführungen gesungen hatte, beginnt die fieberhafte Suche nach dem verschollenen Genie Meier, der das Abschiedskonzert bei ihrer Trauerfeier dirigieren soll.

Unerforschter Kontinent Bühne

Von Petra Rathmanner

Die hohe Zeit des Theaterromans scheint vorbei zu sein. Romane, die in der Welt des Theaters angesiedelt sind und als Sprachrohr für die jeweiligen Ansichten eines Autors über die Bühnenkunst dienen - siehe Karl Philipp Moritz´ "Anton Reiser" oder Goethes "Wilhelm Meister -, sind demodé . Als Romanthema ist die darstellende Kunst aus dem Poeten-Blickfeld gerückt. Umso erstaunlicher, dass sich heuer gleich drei Neuerscheinungen dem Thema widmeten - mit höchst unterschiedlichen Ansätzen: Einmal wird die Bühne zum romantischen Sehnsuchtort stilisiert, dann erscheint sie als kunst- und menschenfeindlicher Arbeitsplatz; schließlich gerät sie zum Gegenstand der Kritik.

 

 

Gerhard Stadelmaier, Jahrgang 1950, zählt zu den bekanntesten Theaterrezensenten des deutschsprachigen Raums; seit 1989 leitet er das Theaterressort der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der "FAZ"-Chefkritiker gilt als deklarierter Gegner des Regietheaters - und hält mit seinen Ressentiments auch in seinem aktuellen Buch, "Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte", nicht hinterm Berg: Die Publika-tion startet sogleich mit einem Seitenhieb auf die Inszenierungspraktik. In einer "Berufsbeschreibung" rechnet Stadelmaier auch mit seiner eigenen Zunft ab, indem er polemisch vier Kritikertypen porträtiert: den "Kulturpolitiker", den "Nostalgiker", den "Tendenzhuber" und den "autonomen Kopf". Letztgenannter jedoch gehört, folgt man Stadelmaier, einer aussterbenden Spezies in der gegenwärtigen Kultur- und Medienlandschaft an.

Daneben versammelt der Feuilletonist auf über 400 Seiten rund hundert seiner Kritiken aus den vergangenen dreißig Jahren. Gewiss, Stadelmaiers Texte sind eloquent und elegant formuliert - Elogen auf Andrea Breth oder Ariane Mnouchkine finden sich ebenso darunter wie berühmte Kurzverrisse, etwa zu Frank Castorfs "Weber". In der Zusammenschau wird aber bald deutlich: Kritiken werden für den Augenblick, nicht für die Dauer verfasst.

Ungerührt von derlei Theaterdiskursen findet die Theaterpraxis statt. Zumindest im jüngsten Roman von Robert Seethaler kommt das Theater ohne Theaterkritiker aus. "Jetzt wird´s ernst" ist eine so launig wie leichtfüßig verfasste Coming-of-Age-Geschichte: Ein namenloser Ich-Erzähler meldet sich darin aus pubertärer Schwärmerei beim Schultheater; er beabsichtigt mit Lotte anzubandeln, dem Mädchen mit den rosafarben lackierten Zehennägeln. Die Lehre im väterlichen Frisiersalon nimmt für den Protagonisten ein jähes Ende, als er auf einer Kleinstadtbühne die Schauspielerei zu erlernen beabsichtigt.

Die Theaterleute werden von dem 1966 geborenen Wiener Autor als sympathische, lebensfremde Käuze beschrieben; das Theater selbst wird zu einem Ort der Hoffnung im provinziell-kleingeistigen Umfeld, zum Sinnbild juvenilen Aufbruchs. Am Ende des Romans besteigt der Jungschauspieler den Autobus in die Theatermetropole.

Die Fortsetzung von Seethalers Roman könnte von Michael Dangl stammen. In "Rampenflucht" gibt der Josefstadt-Schauspieler abschreckende Innenansichten eines arrivierten Akteurs preis: "Der Schauspieler ist in Wahrheit ein ständig Überforderter, Ängstlicher, der seine Überforderungen und Ängste so lange sedieren muss, bis er es tatsächlich geschafft hat, nicht mehr aufgeregt zu sein, und fade wird. Wird er nicht fade, bleibt er also spannend, wird er verrückt, auf jeden Fall Alkoholiker."

Das Theater charakterisiert Dangl in seinem Debüt überspitzt als "grausame Spukburg", als eine "von Amnesty völlig übersehene Zuchtanstalt". Mit bissigem Ernst zieht der schreibende Mime über seine Kollegen her: Dangl unterscheidet strikt zwischen "Schauspielerbeamten" ("mit Thermoskanne und belegten Broten") und "Schauspielerkünstlern" ("geht ins Theater wie Danton in die Bastille") - und referiert den "Ekel der Menschendarsteller" vor den Menschen.

Dangls schmales Buch lässt sich als eine Art Rollentagebuch lesen, als seltenes Dokument der Auseinandersetzung eines Schauspielers mit seiner Existenz. Der Ausgangspunkt von Dangls Schreiben ist dabei eine Bühnenfigur namens Stefan Kowalsky. Dieser ist ebenfalls schreibender Schauspieler - und zugleich Protagonist in Gabriel Baryllis Beziehungskomödie "Butterbrot". Im Vorjahr verkörperte Michael Dangl diese Rolle in den Kammerspielen. Der Neoautor entfernt sich allerdings von Baryllis Vorlage und lässt Raum für Gedankenspiele: Wie viel Dangl spricht aus Kowalskys satirischen Tiraden? Im Nachwort schreibt der Autor lapidar: "Manche seiner Ansichten teile ich, manche gar nicht."

Bei aller Differenz in Profession und qualitativer Gestaltung ihres Sujets - einigen können sich die drei Autoren wohl auf ein Aperçu Gerhard Stadelmaiers: "Ein Stück dramatische Dichtung ist ein ewig unerforscht bleibender Kontinent".

Gerhard Stadelmaier: Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte. Zsolnay, Wien 2010, 445 Seiten, 25,90 Euro.

Robert Seethaler: Jetzt wird´s ernst. Roman. Kein & Aber, Zürich 2010, 303 Seiten, 19,90 Euro.

Michael Dangl: Rampenflucht. Ein Nachspiel. Braumüller, Wien 2010, 142 Seiten, 18,90 

Josefstadt-Theater

Diagnose: Galoppierender Liebesschwund

Ronald Pohl, 30. September 2011 

Mit einer versponnenen, äußerst reizvollen Deutung von Schnitzlers "Traumnovelle" gelingt Regisseur Igor Bauersima eine Meditation über verlorene Begierden

Wien - In Arthur Schnitzlers Traumnovelle (1926) gestatten einander zwei Eheleute Blicke in die verschwiegensten Winkel ihrer Seelen. Das Urteil des Diagnostikers Schnitzler ist unbestechlich: In beiden schlummert auf gleiche Weise das Vermögen zur Untreue. Der junge Arzt Fridolin - im Wiener Josefstadt-Theater heißt er "Ferenc" - macht gewissermaßen die Probe aufs Exempel: Er lässt sich wie ein abgefallenes Blatt durch die nächtliche Wiener Innenstadt treiben.

Er heftet seine seltsam unbestimmten Begehrlichkeiten an diverse Zufallsbekanntschaften. Er gerät auf ein Fest von maskierten Wüstlingen, und eine verführerische Nackte, deren Gesicht verlarvt ist, hilft ihm bei der Flucht. Ist nun Fridolin seiner Albertine der Absicht nach untreu geworden, obwohl ihn doch die Ungunst der Umstände am Ehebruch hinderte? Oder reicht das Geständnis für die Entsühnung einer gar nicht begangenen Tat?

Regisseur Igor Bauersima, der Urheber einer beinahe kindlich verspielten Josefstädter Traumnovellen-Deutung, bricht aus dem von Schnitzler verordneten Ehekäfig entschlossen aus. In der Vergangenheit bestand Bauersimas Analysebesteck aus einer einzigen Waffe: dem Beamer. Mit diesem warf er ohne Unterlass bewegte Schatten auf Kulissen aus Pappe.

Doch dieses Mal ist ein Ruck durch den aus Prag stammenden Szenografen gegangen: Menschen aus Fleisch und Blut bevölkern die Bühne. Bauersima gebraucht die Traumnovelle wie einen Partikelautomaten. Kaum ist eine Cellistin im Negligé (Meaghan Burke) katzengleich auf die finstere Fläche geschlichen, stapft ihr ein verkaterter Traummusiker (Michael Dangl) noch bettwarm hinterher. Er, der Pianist Bernard, erzählt nun den Traum des Arztes Ferenc (Alexander Pschill), der sich im Lärm der Straßen wahlweise die Ohren oder ein Auge zuhält. Die Warnung könnte nicht deutlicher ausfallen: Wehe dem, der Doppelgänger sieht! So ist Bauersimas Botschaft deutlich unversöhnlicher, als es Schnitzler sich jemals hätte träumen lassen: Der goldene Ehekäfig besteht nicht zwangsläufig in der Unauslebbarkeit der Triebe, sondern im Selbsterziehungsprogramm der Partner.

Die adrette Ehefrau (Hilde Dalik) lässt sich zwar auf der Redoute von einem Hundemaskenträger anflirten. Im Grunde aber wissen die Eheleute viel zu gut übereinander Bescheid, als dass sie einander überraschen könnten. Ihre demonstrative Ehrlichkeit zwischen Zahnhygiene und Gesundheitsschlaf verrät die Kühltemperatur einer desillusionierten Welt.

Ferenc läuft daher auch nie Gefahr, sich zu verlieren: Dazu ist er einfach zu durchschnittlich. Seine blonde Gemahlin würde allein deshalb niemals fremdgehen, weil es sich, mit Blick auf viele Annehmlichkeiten, nicht lohnen würde. Bauersima flickt Texte über den Tod ein: nonchalante Witze über das Nichts. Bauersima hat Schnitzlers Text tatsächlich "heutig" gemacht, und sein Befund ist wenig erheiternd. Die Diagnose lautet: rapider Liebes- und Begehrensschwund. Das Publikum wusste den Reiz der aparten Darlegung nicht recht zu schätzen. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 1./2. Oktober 2011)